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Die Festung des Teufels

Die Festung des Teufels

Titel: Die Festung des Teufels
Autoren: David Gilman
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1
    D er Killer kam, wie viele Mörder, in der Nacht.
    Der in der Ferne widerhallende Geschützdonner und die Leuchtspurgeschosse, die auf der Suche nach ihrem Ziel über das windgepeitschte Land sausten, trugen dazu bei, dass er unbemerkt blieb. Heute Abend hatte er einen leichten Auftrag. Seine Zielperson war ein fünfzehnjähriger Junge, und so zweifelte er nicht daran, diesen Job erfolgreich zu erledigen.
    Er sah auf die Uhr. Das Timing war gut. Er war in Position. Die beste Variante: ein vorgetäuschter Unfall – Genickbruch. Die zweitbeste Variante: Kopfschuss und dann weg mit der Leiche. Ihm war beides recht. Der Wind hatte von Ost auf Nord gedreht, kalt und scharf, und der Killer dachte an die Soldaten, die dort draußen über den aufgeweichten Boden robbten. Sie hatten tagelang nicht geschlafen und waren von dem stetigen Geschützfeuer, den anstrengenden Patrouillen und der Kälte mittlerweile völlig zermürbt. Er selbst war topfit und bestens vorbereitet. Sein Rollkragenpullover war aus Mohair, sein Mantel ein gefütterter Timberland, ohne Goretex-Beschichtung, die nur geknistert hätte, und die Rockport Stiefel waren wasserdicht. Es war eine solide Ausrüstung, die seine Muskeln warm hielt und so dafür sorgte, dass sie in der Sekunde, in der es auf Schnelligkeit ankam, zum Einsatz bereit waren. Der Killer ließ seinen Gedanken für kurze Zeit freien Lauf. Jeden Moment würde die Zielperson erscheinen.
    Das unaufhörliche Maschinengewehrgeratter war ihm ein Trost. Der stakkatohafte Rhythmus klang wie Musik in seinen Ohren. Das markerschütternde Donnern des Mörserfeuers und die dumpfen Schläge ferner Artillerie verschmolzen zu einer harmonischen Akustik. Seine glücklichsten Tage als Soldat hatte er mit Töten verbracht. Heute ging er einem weitaus lukrativeren Gewerbe nach: Auftragsmord. Er bekam ein stattliches Honorar für seinen aktuellen Einsatz. Wer auch immer dieser Junge war, irgendjemand wollte ihn unbedingt tot sehen. Der Killer schaute noch einmal auf die Uhr und zog dann eine halb automatische 9-mm-Pistole aus dem Hosenbund – besser, sie parat zu haben.
     
    Nicht weit entfernt von der Stelle, wo der Killer bereits auf der Lauer lag, joggte der fünfzehnjährige Max Gordon auf einem schmalen Teerweg durch die Dunkelheit. Sein Vater hatte richtig entschieden, ihn hier an diese Schule zu schicken. In den letzten zwei Jahren hatte er sich Kraft und Wendigkeit antrainiert, und nun war er so weit, an einem der beiden Junioren-Triathlon-Vorrunden teilzunehmen. Für ihn war Extremsport die ultimative Erprobung von Mut und Können.
    Im nächsten Jahr fand ein Junioren-X-trem-Wettkampf in den französischen Pyrenäen statt, und Max wollte in den Disziplinen Mountainbiking, Snowboarding und Wildwasserkajak starten. Das war ein ehrgeiziges Ziel, aber er verfügte mittlerweile über die dafür erforderliche Ausdauer und Körperkraft. Die zusätzlichen Trainingsläufe am späten Abend zahlten sich aus. Er lief dann zwar meist schon im Dunkeln, aber das Umgebungslicht reichte, um das Teerband unter seinen Füßen zu erkennen, das ihn sicher um die schroffen Felsblöcke herumführte.
    Max’ Atem wurde ruhiger, als er sein optimales Lauftempo fand. Feuerstöße zuckten kreuz und quer durch die nächtliche Landschaft. Explosionen knallten in einiger Entfernung, und ein paar Leuchtfallschirme wirbelten ziellos über den Himmel, als eine Böe sie erfasste und fortblies. Doch für Max bestand keine Gefahr, denn die Kommandoposten und Fallschirmjäger bewegten sich auf einem abgesperrten Übungsgelände.
    Noch zwei Meilen der Route folgen, dann würde er nach Hause zurücklaufen, heiß duschen und ins Bett gehen.
    Auf einmal vernahm er ein Geräusch, das ihn stutzen ließ. Instinktiv schärften sich seine Sinne. Ein leises metallisches Klicken – ungefähr zwanzig Meter vor ihm, da, wo im Berghang eine kleine Höhlung entstanden war, vermutlich das Werk von Tieren, die dort über Jahre hinweg immer wieder Unterschlupf gesucht hatten. Max wusste, das konnten keine Soldaten sein. Vorsichtshalber verlangsamte er sein Tempo. Der Wind hatte leicht gedreht und kam jetzt direkt von vorn, nur deshalb hatte er das Geräusch gehört. Wie eine Autotür, die sacht zuschlug. Oder eine Pistole, die entsichert wurde. Er kannte das Geräusch nur allzu gut.
    Ohne lange nachzudenken, verließ er den Weg und schlug sich querfeldein in den Stechginster. Max beschleunigte sein Tempo und spürte, wie ihm die nadelspitzen Blätter

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