Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Wu & Durant 03 - Voodoo, LTD.

Wu & Durant 03 - Voodoo, LTD.

Titel: Wu & Durant 03 - Voodoo, LTD.
Autoren: Ross Thomas
Ads
1
    Bei dem Zweisitzer, der am Neujahrsmorgen kurz nach fünf Uhr mit mehr als 82 Meilen pro Stunde durch Malibu raste, handelte es sich um einen fast neuen Mercedes 500 SL – Preis ab Werk 101414,28 Dollar. Der Wagen wurde mit einer Hand gelenkt, der linken Hand der nicht mehr ganz vollkommenen Schönheit und Doppelverdienerin Ione Gamble, deren Blutalkohol später mit über zwei Promille gemessen wurde, womit ihr nachgewiesen werden konnte – juristisch und auch sonst –, daß sie stark betrunken war, zum zweiten Mal in ihrem Leben.
    Die Schauspielerin und Regisseurin, deren zwei Handwerke oder Berufe sie im Hollywoodjargon zu einer Doppelverdienerin machten, lenkte ihr Auto weiter mit der linken Hand, weil die rechte damit beschäftigt war, ein Telefon an ihr Ohr zu halten, mit dem sie gerade dem fünfunddreißigsten und letzten Klingelton lauschte. Dann tauschte sie das Telefon gegen eine Halbliterflasche achtzigprozentigen Smirnoff-Wodka, die auf dem Beifahrersitz lag. Nachdem sie sich die restlichen vierzig Kubikzentimeter einverleibt hatte, ließ sie das rechte Türfenster per Knopfdruck herunter und warf die Flasche nach draußen, wo sie gegen einen geparkten 86er Honda Civic prallte.
    Die Gamble war durchaus geneigt, anzuhalten und eine Nachricht zu hinterlassen, daß sie für jeden Schaden aufkommen würde. Aber bis diese Nachricht im Geiste formuliert, überdacht und noch einmal überdacht war, hatte sie den Honda schon eine Meile hinter sich gelassen und näherte sich ihrem Ziel in Carbon Beach. Als sie Sekunden später dort ankam, waren die Botschaft, die zerschmetterte Flasche und der Honda vollständig aus ihrem Gedächtnis gelöscht.
    Inzwischen hatte sie den Wagen auf die zugelassene Höchstgeschwindigkeit von 45 Meilen pro Stunde verlangsamt und rollte die linke Spur des Pacific Coast Highway im Leergang entlang. Nebenbei suchte sie nach der elektrischen, von ihr verlegten Fernbedienung, mit der sie die Stahltore öffnen konnte, die das 13-Millionen-Dollar-Haus sicherten, dessen Besitzer beinahe jeden damit verärgerte, daß er es seine Strandhütte nannte.
    Die Gamble suchte vergeblich nach dem elektronischen Türöffner. Aber als sie nach links über die beiden Gegenfahrbahnen des Highway bog, erkannte sie im Licht ihrer Scheinwerfer, daß die Tore bereits offen waren. Sie fuhr hindurch und stellte den Wagen vor der Dreifachgarage ab, von deren Türen beinahe eine Woche nach Weihnachten noch immer ein phantasievolles Triptychon von Santa Claus, seinen Rentieren und den Elfen strahlte.
    Die Gamble schaltete Motor und Scheinwerfer aus und nahm wieder das Autotelefon zur Hand. Sie rief die Nummer an, die sie bereits vorher angerufen hatte, und ließ es fünfzehnmal läuten. Dann gab sie auf und begann, mehrmals hintereinander auf die Hupe des Mercedes zu drücken, in der Signalfolge dreimal kurz und einmal lang, einer groben Annäherung an den Morsecode für den Buchstaben V – dem einzigen Morsecode, den sie kannte.
    Drei Minuten später hörte die Gamble mit dem Lärm auf, ließ das linke Seitenfenster herunter und wartete darauf, daß etwas passieren würde. Sie wäre mit einem wütenden Nachbarn zufrieden gewesen, der sie anbrüllte, sie solle verdammt noch mal ruhig sein. Oder mit Billy Rice, der aus dem Haus gelaufen käme und sie anflehte, um Gottes willen hereinzukommen und einen Drink mit ihm zu nehmen – oder auch nur mit einem plötzlich erleuchteten Fenster irgendwo, das ihr bewiesen hätte, daß es noch Leben gab in Malibu, an diesem Dienstag, dem 1. Januar 1991 um fünf Uhr und elf Minuten am frühen Morgen.
    Als es jedoch weder verärgertes Gebrüll noch Einladungen zum Drink oder plötzlich erleuchtete Fenster gab, kletterte die Gamble aus dem Wagen, schlug die Tür so fest sie konnte zu, hoffte, daß etwas zerbrechen würde, und war doch erleichtert, daß alles heil blieb. Sie ging um das Heck des Wagens herum, trat äußerst behutsam drei Schritte zurück, sog so viel Luft wie sie konnte in ihre Lungen und brüllte: »BILLY RICE WAS FÜR’N SCHEISS!«
    Sie wartete, lauschte, aber als sie weder ein Dementi noch eine Erwiderung hörte, drehte sie sich um und steuerte auf den Vordereingang zu. Während sie das tat, ging auf der anderen Seite des Highway im zweiten Stock eines gelben Hauses ein Licht an. Es fiel jedoch aus einem schmalen, hohen Fenster, wie Badezimmer sie haben, und die Gamble kam zu dem Schluß, daß es wohl irgendein armer Bursche sein mußte, den seine

Weitere Kostenlose Bücher

Cäsar Cascabel
Cäsar Cascabel von Jules Verne
French, Tana
French, Tana von Sterbenskalt