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Die Angstmacher

Die Angstmacher

Titel: Die Angstmacher
Autoren: Anja Krueger
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Vorwort
    W as für eine Branche! Zwei Meldungen aus der jüngeren Vergangenheit werfen ein bezeichnendes Licht auf die Versicherungswirtschaft. Zuerst kommt heraus, dass der biedere Familienversicherer Hamburg-Mannheimer seine Topverkäufer in Budapest zu einer Sexparty mit Prostituierten eingeladen hat. Wenige Wochen später erstattet die Muttergesellschaft ERGO Anzeige wegen Erpressung gegen drei Personen. Ein obskurer Streit zwischen Vertretern und Versicherer soll hinter dem Bekanntwerden dieser und weiterer unschöner Meldungen über abgezockte Kunden stecken. Nun kümmert sich die Justiz um die Frage, ob das stimmt. Doch selbst wenn: Erpressbar muss man sich ja erst mal machen. Viele Menschen glauben, dass diese Sexparty keine Ausnahme in der Versicherungswirtschaft war und ist. Den Leuten in der Assekuranz traut das Publikum eine Menge zu.
    Die Branche hat einen schlechten Leumund, nicht nur wegen solcher Affären. Sie hat ihn zu Recht, und zwar auch jenseits von sex & crime . Viele Menschen fühlen sich abgezockt. Die Bürger zahlen und zahlen und zahlen – aber wenn sie die Versicherung brauchen, haben sie nichts als Ärger. Ob es die Kamera ist, die der Freund kaputt gemacht hat, das eigene Auto, in das jemand gebrettert ist, oder eine Krankheit, wegen der ein Berufstätiger nicht mehr arbeiten kann –, immer müssen die Versicherungskunden darauf gefasst sein, dass ihr Versicherer den Schaden nicht reibungslos reguliert. Menschen, die bei einem Unfall unverschuldet schwer physisch oder psychisch verletzt wurden, werden nicht selten durch jahrelange Prozesse getrieben. Bis sie nicht mehr können. Zeichnet sich dagegen ab, dass ein Versicherer vor dem Bundesgerichtshof verliert, gibt er schnell klein bei, damit es kein Grundsatzurteil zuungunsten der Branche gibt.Das sind keine gepflegten Vorurteile, das sind die Erfahrungen vieler Menschen.
    Ja, dieses Buch ist kein ausgewogenes Buch. Die Lage lässt das nicht zu. Das Verhältnis zwischen Versicherungswirtschaft und Verbrauchern ist erschreckend ungleich: Mächtige und Ohnmächtige stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite stehen die gewaltigen Unternehmen, die Zeit und Geld und Verkaufstruppen für alle denkbaren Zielgruppen haben. Brillante Köpfe in unzähligen Abteilungen entwickeln immer neue Verträge, um den Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen, und immer abgedrehtere Vertragsunterlagen, die kein Mensch durchschauen kann. Ihr langer Arm reicht bis in Politik und Wissenschaft, Anwaltschaft und Gutachterwesen. Ihren Kunden und der Öffentlichkeit verweigern sie einen echten Einblick und verschanzen sich immer wieder hinter dem Argument »Geschäftsgeheimnis«. Wer so viele Geheimnisse hat wie die Versicherer, der muss auch etwas zu verbergen haben.
    Auf der anderen Seite: die Verbraucher. Jeder Mensch fürchtet sich vor Schicksalsschlägen. Die Truppen der Assekuranz machen sich das zunutze. Wer furchtlos zu ihnen kommt, bleibt es nicht lange. Altersarmut, Berufsunfähigkeit, plötzlicher Herztod – Versorgungslücken gibt es immer zu entdecken. Angst macht Verbraucher zur schnellen Beute der Versicherer. Für jede Angst haben sie ein Angebot in der Tasche.
    Der Staat zwingt die Bürger immer mehr zur privaten Vorsorge, was viele mit »Versicherungen abschließen« übersetzen. Sie sollen private Rentenversicherungen kaufen, die so kompliziert gestrickt sind, dass sie keine Chance haben, sie zu verstehen. Der Bürger kann nur Blackboxes miteinander vergleichen und nur ungefähr erahnen, was am Ende dabei herauskommt. Versicherungsbedingungen werden in Deutschland nicht geschrieben, damit die Kunden sie lesen und verstehen. Sie werden erstellt und in schlimmstem Juristendeutsch gehalten, damit der Versicherer auf der sichereren Seite ist. Kunden kaufen die Katze im Sack. Jeder weiß das. Wir alle verhalten uns so, weilwir Versicherungsschutz brauchen und keine Alternative dazu haben. Jeder unterschreibt Versicherungsverträge, die er nicht gelesen hat oder nicht versteht, nicht verstehen kann. Das ist der Normalfall. Und das ist schlecht.
    Natürlich gibt es auch gute Versicherungen. Aber das große Problem ist: Man kann sie nicht erkennen. Der Kunde muss Glück haben. Er muss das Glück haben, einen wirklich guten Berater, Versicherungsmakler oder – ja, selbst die gibt es – guten Vertreter zu finden. Er muss das Glück haben, dass die ausgesuchte Police hält, was man ihm verspricht. Er kann es ja nicht kontrollieren. Er muss das Glück

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