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Der Wunsch des Re

Der Wunsch des Re

Titel: Der Wunsch des Re
Autoren: Anke Dietrich
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Amunhotep. Vielleicht wollen die Götter mich nur auf eine sehr harte Probe stellen.«
    Ramses fuhr sich über die Augen und erhob sich von seinem Platz. Er trat hinter dem Schreibtisch hervor auf Amunhotep zu und legte ihm beide Hände auf die Schultern.
    »Dennoch, mein Freund, überwache sie gut. Ich werde noch heute nach Theben zurückkehren, um mir selbst ein Bild von der Zerstörungswut dieser Gottlosen zu machen, aber ich komme schon bald zurück. Dann wirst du mir helfen, den vorhandenen Plan für mein Westliches Haus im Königstal zu ändern oder einen völlig neuen zu entwerfen für ein Grab, das vor solcherlei Frevel geschützt sein wird. Ich werde mich auf das Plateau von Giseh begeben, um mich in den geheimsten Schriften zu belesen, die uns von den Göttern hinterlassen wurden. Möglicherweise finde ich mächtige Zaubersprüche, die mich vor solchem Übel bewahren.«
    Stirnrunzelnd kratzte er sich am Kinn und dachte einen kurzen Moment nach. Plötzlich stutzte er und sah Amunhotep mit leicht zusammengekniffenen Augen an.
    »Ich kenne bis heute nicht den genauen Wortlaut ihres Schwurs. Wenn ich mich aber recht entsinne, erzähltest du mir, dass sie uns mit ihrem Wissen und Können zur Verfügung stehen soll. Also sage mir, mein Freund, was kann und was weiß sie? Wie du selbst gesagt hast, bist du lange mit ihr zusammen gewesen. Was hast du über Satra herausgefunden?«
    Verlegen senkte der Vorsteher der Osiris-Priesterschaft den Kopf. »Wenn ich ehrlich bin, nicht sehr viel. Ich weiß, dass sie lesen und schreiben kann. Ich war einigermaßen erstaunt darüber und fragte sie, wo sie die heiligen Zeichen erlernt habe und was sie sonst noch könne. Satra wich mir stets aus oder antwortete auf diese wie auf viele andere meiner Fragen nur mit einem Achselzucken.« Er sah wieder hoch und blickte Ramses fest in die Augen. »Ich bin mir allerdings sicher, dass sie mehr kann und weiß. Als ich zu Beginn meiner Genesung aus meiner Bewusstlosigkeit erwachte, erzählte sie mir etwas über die graue Masse in unserem Schädel, die man Gehirn nennt. Sie hat keine große Bedeutung, wie dir bekannt sein dürfte. Satra hingegen sagte mir darüber Dinge, von denen ich noch nie zuvor gehört habe, und die ich deshalb auch nicht verstand.«
    »Und du hast sie nicht noch einmal darüber befragt?«
    »Ich habe, ehrlich gestanden, bis eben nicht mehr daran gedacht. Ich glaube allerdings, Osiris wird dir nicht ein Wesen zum Geschenk gemacht haben, das uns die heiligen Zeichen lehren soll oder über medizinische Fähigkeiten verfügt. Zudem hat Satra ein ums andere Mal beteuert, dass sie keine Heilkundige sei. Ich bin mir aber sicher, sie kann viel mehr als wir beide ahnen.«
    »Aber warum verheimlicht sie uns ihr Können?«, polterte Ramses aufgebracht. »Warum erzählt sie es uns nicht einfach?«
    »Weil wir es vielleicht allein herausfinden müssen«, mutmaßte Amunhotep. »Osiris sagte zu mir: ›Prüft die von mir erwählte Frau, sie ist etwas Besonderes. Wenn die Zeit reif ist, werdet ihr wissen, was ihr tun müsst.‹«
    »Ja und?« Ramses riss allmählich der Geduldsfaden. Er wurde zornig. »Was soll ich deiner Meinung nach tun? Soll ich sie an einen Webstuhl setzen und schauen, ob sie weben kann? Oder soll ich ihr den Auftrag erteilen, für mich ein Westliches Haus zu entwerfen, das vor Grabräubern sicher ist? Meinst du das?«
    »So ganz abwegig ist das nicht, Ramses. Vielleicht sollte sie nicht gleich dein Haus für die Ewigkeit planen; vielleicht aber sollten wir ihr mehr Vertrauen schenken und sie an unserem Leben teilhaben lassen. Verstehe mich bitte nicht falsch«, fügte Amunhotep rasch hinzu, denn Ramses setzte zu einer Gegenantwort an. »Ich meine damit nur, dass sie im Tempel nicht wie eine Gefangene festgehalten werden sollte, sondern dass sie mir überallhin folgen darf, so wie es sich für eine treue Dienerin gehört.
    Ich habe gesehen, wie sie staunend im Vorhof stand und die Pylone bewunderte. Satra starrte den Torbau aber nicht nur einfach an, sie betrachtete ihn eingehend. Ich würde fast sagen mit fachmännischem Blick. Ich will damit andeuten, dass sie sich völlig anders verhält, als es für gewöhnlich die meisten fremdländischen Gefangenen tun, vor allem Frauen. Sie reißen die Augen und den Mund weit auf und staunen, um sich anschließend wieder ihren Aufgaben zuzuwenden. Ich hingegen habe Satra beobachtet und in der letzten Zeit ab und an mit auf die Baustellen genommen. Ich kann nicht leugnen,

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