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Der Wunsch des Re

Der Wunsch des Re

Titel: Der Wunsch des Re
Autoren: Anke Dietrich
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dem neu ernannten Amun-Hohepriester, zu übergeben habe. Zu seinem Bedauern dürfe er diese nur dem Pharao persönlich aushändigen.
    Überrascht sahen sich die drei Männer an.
    Ramses brach die Besichtigung ab und folgte dem Diener zurück zum Palast. Nachdem er die Schriftrolle gelesen hatte, die von Nesamun persönlich unterzeichnet worden war, war er zutiefst bestürzt. Gleichzeitig hätte er vor Wut laut schreien und toben können; die Nachricht war einfach ungeheuerlich.
    Wie sollte er das nur seiner Familie beibringen, vor allem seiner geliebten Mutter? – Das Westliche Haus seines Vaters, Osiris Ramses VI., war ausgeraubt worden. Zudem hatten die verruchten Diebe die königliche Mumie in Stücke zerhackt und zum Teil verbrannt.
    Wutschnaubend eilte er aus dem Palast hinüber zum Anwesen seines Freundes, die Schriftrolle mit der Schreckensbotschaft fest in der Hand. Er traf Amunhotep im Gespräch mit Netnebu an und befahl ihm in herrischem Ton, ihm zu folgen.
    »Raus! – Los! – Lass uns allein!«, brüllte er, als er, von Amunhotep gefolgt, in dessen Arbeitszimmer stürmte.
    Erschrocken sah Satra hoch, die gerade dabei war, die Truhen vom allgegenwärtigen Sand zu befreien. Ihr Blick irrte verstört zwischen Ramses und Amunhotep hin und her, sodass sie sogar vergaß, auf die Knie zu fallen. Als sie die verärgerte Miene des Königs bemerkte, eilte sie schleunigst aus dem Raum. Krachend fiel die Tür hinter ihr zu.
    »Was ist passiert, Majestät?«, wagte Amunhotep das Wort an den Pharao zu richten.
    »Hier, lies selbst, was dein Vater mir schreibt!«
    Ramses warf ihm die Schriftrolle zu, ließ sich auf den Stuhl hinter dem Arbeitstisch fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.
    Nachdem Amunhotep den Inhalt gelesen hatte, brachte vorerst kein Wort heraus. Er war erschüttert.
    »Was sagst du dazu?«
    »Es ist ungeheuerlich, Majestät. Wer tut so etwas nur? Das ist Frevel! Haben die Menschen nicht einmal Respekt vor einem Gott?«
    »Anscheinend nicht.« Ramses saß noch immer mit dem Gesicht in die Hände gestützt und seufzte. »Ich glaube, meine Mutter hatte recht. Auf unserer Familie lastet ein Fluch. Die Mächte des Bösen haben uns ihre Dämonen auf den Hals gehetzt.« Er blickte hoch zu Amunhotep, und seine Augen waren feucht. »Als mein Sohn von den Krokodilen in Stücke gerissen wurde«, erinnerte er sich wehmutsvoll, »verlangte sie, dass ich deine Dienerin töten sollte. Nubchesbed glaubte, dass sie ein böser Dämon sei, der uns von den Mächten der Dunkelheit gesandt worden ist, um Unglück über unsere Familie zu bringen. Ich widersetzte mich ihr, denn ich glaubte zu wissen, dass es anders sei. Nun aber fange auch ich allmählich an, daran zu zweifeln. Ich muss Nubchesbed recht geben. Seitdem diese Frau in mein Leben getreten ist, erleidet meine Familie einen Schicksalsschlag nach dem anderen.«
    »Und du glaubst, Satra ist an all dem schuld?« Amunhotep klang ehrlich bestürzt.
    »Ich weiß es nicht, aber an dem Tag, an dem sie vor Gericht auf das Leben des Großen Horus schwor, unschuldig zu sein, ging mein Vater hinüber ins Reich des Osiris. Dann traf sie zum ersten Mal mit meinem Sohn auf der Barke der Soldaten zusammen. Er stürzte ins Wasser und wurde getötet. Nichts blieb von ihm übrig, um es für die Reise in die Ewigkeit vorzubereiten. Und nun bekomme ich die grauenvolle Nachricht, dass auch der Leib meines Vaters zerstört worden ist.« Ramses ließ den Kopf hängen und schlug rhythmisch mit den Fäusten auf die Platte des Arbeitstischs. »Glaubst du, dass das alles nur ein Zufall ist? Doch wenn nicht, dann sage mir, warum strafen die Götter mich und meine Familie derart hart?«
    »Diese Frage kann ich nicht beantworten, Ramses, aber verzeihe mir. Ich kann auch nicht glauben, dass Satra Schuld daran trägt. Sie ist kein böser Geist, sie ist ein guter Mensch, der nie einem anderen etwas zuleide tun würde. Ich war lange genug mit ihr zusammen. Sie hat sich immer untadelig verhalten.«
    »Aber was ist es dann?«
    »Ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht lastet tatsächlich ein böser Fluch auf der königlichen Familie. Möglich wäre auch, dass ein dir feindlich gesinnter Mensch dir und den Deinen mit schwarzer Magie zu schaden versucht, doch glaube mir, Ramses, meine Dienerin ist es nicht. Satra wurde uns von Osiris gesandt, sie wurde dir zum Geschenk gemacht, und Osiris kann nicht wollen, dass die Körper der Toten vernichtet werden.«
    »Vielleicht hast du recht,

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