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Der Spiegel im Spiegel

Der Spiegel im Spiegel

Titel: Der Spiegel im Spiegel
Autoren: Michael Ende
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Scheiben zerklirren am Boden.
    Der Diener blickt den Studenten triumphierend an.
    «Wie gesagt, das beweist alles. Das Chaos wächst nur mit jedem Versuch, es zu bezwingen.
    Das Beste wäre, sich still zu halten und gar nichts mehr zu tun.»
    Er nimmt noch einen Schluck.
    «Ach so», sagt der Student und blickt zerstreut umher, «Sie wollen hier Ordnung machen?»
    «Abstauben!» verbessert ihn der alte Diener, «abstauben, wie ich es ein Leben lang getan habe. Aber da sehen Sie selbst, was von all unserer Müh' und Plage bleibt: Staub. Oder vielmehr sieht es so aus, als bliebe als Letztes Asche. Staub am Anfang und am Ende Asche. Das bleibt sich gleich. Jedenfalls ist es, als sei man nie gewesen. Spurenlos geht man hinweg, das ist das Schlimmste.»
    «Immerhin», meint der Student freundlich, nur um irgend etwas Ermunterndes zu sagen, «immerhin weht ein bißchen frische Luft herein. Man hört das Pfeifen der einfallenden Bekassinen vom Moor herüber. Das ist doch auch etwas.»
    Der Alte kichert und hustet. «Ja ja, die liebe Natur! Die geht einfach ihren Gang. Unsere Schwierigkeiten sind ihr wurst. Sie muß ja auch keine Entscheidungen treffen wie ich. Aber nein, der Mensch ist kein Vogel, denn er hat keine Flügel. Der Mensch muß aus der objektiven Erkenntnis leben, dafür hat er sein Hirn, junger Mensch! Das ist die Moral. Moral, das heißt: Es geht nicht so einfach. Merken Sie sich das, junger Mensch! Ich muß noch einmal von vorne anfangen, das Problem durchzudenken.»
    «Ich sehe schon», sagt der Student, «Sie sind nicht leicht zu entmutigen. Aber könnten Sie mir vorher nur eben rasch eine kleine Auskunft geben?»
    Der Diener hört ihm nicht zu. Er läuft weiter in den nächsten Saal hinüber und redet vor sich hin. «Das Problem liegt folgendermaßen: Wenn es tatsächlich sinnlos ist anzufangen, dann ist es sinnvoll nicht anzufangen. Ergo: Ich lasse es besser bleiben.»
    «Richtig!» sagt der Student, der hinter ihm herläuft, «lassen Sie es bleiben.»
    «Ein zwingender Schluß!» Der alte Diener lacht listig. «Aber jetzt passen Sie auf, junger Mensch: Was ist das menschliche Leben?»
    Der Student schaut ihn ratlos lächelnd an. «Ja, also ehrlich gesagt, ich möchte mich da nicht festlegen....»
    Der Alte tippt ihm mit dem Finger gegen die Brust und bläst ihm seinen Atem ins Gesicht. «Auf verlorenem Posten kämpfen, das ist das Leben!» sagt er und betont jedes Wort einzeln. «Und worin besteht die moralische Größe, der sittliche Appell, der ethische Imperativ? Ich sage es Ihnen, junger Mensch: Auch wenn alles sinnlos ist, man muß dennoch anfangen! Warum? Weil man tun muß, was man kann!»
    «Bravo!» sagt der Student und versucht dem Atem auszuweichen.
    «Ich gebe offen zu», fährt der Diener fort, «ich habe mich soeben selbst total in die Enge getrieben, unausweichlich! Und das will etwas heißen.»
    «Sie sind tatsächlich ein unerbittlicher Denker», wirft der Student rasch ein.
    Der Alte zieht tief die Luft ein und breitet die Arme aus. «Hier stehe ich als Hausmeister und Mensch», ruft er durch die Flucht der Säle, «gegen mich die ganze hoffnungslose Übermacht des Chaos, und ich habe einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt.»
    Plötzlich sinkt er zusammen, packt den Studenten am Arm und klammert sich an ihn.
    «Wenn mich jetzt nicht jemand im letzten Augenblick vom Abgrund zurückreißt», flüstert er entsetzt, «dann werde ich unweigerlich Staub zu wischen beginnen. Die Folgen, junger Mensch, sind unabsehbar!»
    Aber der Student hat kaum zugehört und schüttelt den Alten ab. Er hat etwas gesehen, das seine Aufmerksamkeit aufs höchste fesselt. In der Mitte des übernächsten Saales, so daß sie durch die geöffneten Türflügel sichtbar sind, sitzen Leute um einen langen Konferenztisch. Sie sind nicht deutlich zu unterscheiden, denn es herrscht Halbdunkel in dem Saal, aber der Student zweifelt nicht, daß es die Erben sind, die dort verhandeln.
    «Sagen Sie bitte», flüstert er dem Alten zu und zeigt zu dem Tisch hinüber, «weiß man schon irgendwas Genaueres?»
    «Danke», antwortet der Diener ebenso leise, «danke, daß Sie mich ablenken, junger Herr. Leider muß ich Ihnen mitteilen, nein, man weiß noch immer nichts.»
    «Ach, das ist doch zu dumm!» meint der Student und geht entschlossen auf den Tisch zu. «Ich muß sie einfach fragen....»
    Aber der Alte hat ihn am Ärmel erwischt und versucht, ihn zurückzuhalten. «Um Himmels willen, stören Sie die Herrschaften nicht.

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