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Der Spiegel im Spiegel

Der Spiegel im Spiegel

Titel: Der Spiegel im Spiegel
Autoren: Michael Ende
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Nicht gerade jetzt! Das geht auf gar keinen Fall!»
    Der Student bleibt stehen, und ohne die Erben aus dem Auge zu lassen, erklärt er halblaut: «Ich muß jetzt einfach wissen, ob ich bleiben kann oder ob ich mich nach einer neuen Unterkunft umsehen muß, verstehen Sie doch! So was nimmt Zeit in Anspruch, und ich habe im Augenblick keine Zeit zu verlieren. Nächste Woche ist mein Examen, und wenn sie mich morgen oder übermorgen hinauswerfen, dann sitze ich schön da.»
    «Ich verstehe schon», sagt der Alte und tätschelt ihm die Wange, «nur noch ein klein wenig Geduld. Ihr jungen Menschen seid so ungeduldig. Wenn Sie darauf bestehen, dann werde ich mich bei passender Gelegenheit für Sie erkundigen.»
    «Das haben Sie mir schon vor zwei Wochen versprochen!»
    «Gewiß, aber die Herrschaften sind sich leider noch nicht recht einig geworden, wer von ihnen der neue Eigentümer sein wird.»
    «Es dauert ziemlich lang, finden Sie nicht?»
    «Wie man's nimmt. Solche Dinge brauchen ihre Zeit. Aber die Herrschaften kommen der Einigung von Stunde zu Stunde näher, glauben Sie mir! Sie machen die größten Anstrengungen. Aber es ist eben sehr, sehr schwierig unter diesen ungewöhnlichen Umständen zu einer Lösung zu kommen.»
    «Die Herrschaften sind aber ziemlich still, finde ich. Sie reden ja nicht einmal miteinander!»
    «Ja, ja, leider ist wieder einmal ein toter Punkt eingetreten. Jetzt denken alle nach, um eine neue Verhandlungsbasis zu finden. Stören Sie nur jetzt nicht, sonst dauert es noch viel länger!»
    Aber der Student reißt sich mit Gewalt von dem Diener los und geht entschlossen zu dem Tisch, um den die Leute sitzen. Während er näher kommt, bemerkt er, daß sie steif und reglos sind wie Mumien. Dicker Staub liegt auf ihren Köpfen, ihren Barten, ihren Kleidern, ihren Brillen. Zwischen ihnen hängen Spinnweben, die nun leise im Luftzug wehen. Wortlos zeigt der Student darauf und blickt den alten Diener an.
    «Ja», murmelt der verlegen, «wie eine Hängematte, nicht wahr?»
    Der Student schaut auch unter den Tisch und die Stühle. Dort ziehen sich überall Spuren von winzigen Füßchen durch den Staub. Es sind wohl Asseln oder Käfer gewesen.
    «Wollen Sie mal einen Schluck?» fragt der alte Diener und reicht dem Studenten die Flasche hin.
    «Man bekommt Durst bei dem Anblick, finden Sie nicht?»
    Der Student riecht an der Flasche und fährt zurück. «Mein Gott, was ist denn da drin?»
    «Essig», erklärt der Alte plötzlich ganz in seiner früheren ernsten Würde, «Essig und Galle. Eine berühmte Mischung. Sie macht nüchtern. Das einzige Mittel, um in dieser bewußtseinstrübenden Lage immer wieder zur Vernunft zu kommen. Sie sehen, ich bin ein umgekehrter Trinker. Man gewöhnt sich an alles. Sie werden sich auch noch daran gewöhnen.»
    «Das glaube ich kaum», antwortet der Student. «Und ich gewöhne mich auch nicht an diese verdammte Unsicherheit, daß ich nicht weiß, was nun mit mir und meinem Zimmer wird.»
    «Oh», macht der Alte und lächelt traurig, «das ist nur der Anfang. Aber offen gestanden, ich habe auch nicht damit gerechnet, daß sich die Dinge so hinziehen würden. Ich hatte tatsächlich geglaubt, das Testament des verstorbenen Herrn würde einfach eröffnet und man wüßte, woran man ist.»
    «Was ist denn eigentlich dazwischengekommen?»
    Der Alte nimmt einen Schluck. «Dazwischengekommen ist eigentlich gar nichts.» Er korkt die Flasche zu und steckt sie ein.
    Der Student geht langsam um den langen Tisch herum und schaut den Erben in die verstaubten Gesichter, einem nach dem anderen. Er bläst einen an, und eine Wolke erhebt sich.
    Er seufzt und setzt sich auf ein damastbezogenes Sofa, das jedoch sofort unter ihm zusammenbricht. Er rappelt sich mühsam hoch und klopft sich ab.
    «Lang», sagt er, «dürfen die aber nicht mehr weitermachen, wenn überhaupt noch etwas übrigbleiben soll.»
    «Ganz meine Meinung», antwortet der Diener und wedelt ihn mit dem Staubwedel ab.
    «Wie lang, glauben Sie, wird es noch dauern?»
    «Das ist schwer zu sagen. Vielleicht nur noch kurz, vielleicht auch nicht.»
    «Aber vorerst kann ich wohl damit rechnen, daß mir meine Mansarde noch ein Weilchen erhalten bleibt, nicht wahr?»
    «Darauf würde ich mich lieber nicht verlassen, junger Herr.»
    «Ach, Scheiße!» sagt der Student sanft. «Das ist doch wirklich idiotisch, so in der Luft zu hängen.»
    Der Alte lacht wieder hustend. «Wir hängen alle in der Luft, Sie, die Erben, ihre Angehörigen,

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