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Der Spiegel im Spiegel

Der Spiegel im Spiegel

Titel: Der Spiegel im Spiegel
Autoren: Michael Ende
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jetzt, vor dem Examen. Wie soll sich einer auf die Arbeit konzentrieren, wenn er nicht einmal weiß, wo er morgen bleiben wird! Wenn sich die Erben nur endlich einig würden, damit man wenigstens weiß, woran man ist.
    Er schiebt das Buch zurück und steht auf. Er ist blaß und lang, viel zu lang. Er muß den Kopf einziehen, um nicht an die Decke zu stoßen. Er will jetzt endlich Gewißheit haben, jetzt sofort, damit er, von Sorgen nicht mehr beunruhigt, weiterarbeiten kann.
    Der riesige Speicher, durch den er geht, ist vollgestopft mit allen nur denkbaren Gegenständen, Möbeln, Riesenvasen, präparierten Tieren, lebensgroßen Puppen, unverständlichen Maschinen und Räderwerken. Er steigt die breite Treppe hinunter, dann läuft er durch die lange Galerie, in der tausende von blinden Spiegeln hängen, große und kleine, glatte und gekrümmte, die sein Bild tausendfach, aber verschwommen zurückwerfen.
    Endlich kommt er in einen der großen Säle. Hier sieht es aus wie in einem Völkerkundemuseum nach einer Plünderung. Die Glasvitrinen sind teilweise zertrümmert, Schmuck und Kostbarkeiten, die in ihnen zur Schau gestellt waren, sind herausgerissen. Mumienschreine hat man aufgebrochen, Gefäße liegen in Scherben auf Haufen geworfen, Rüstungen hängen schief in den Gestellen, und aztekische Festgewänder aus Kolibrifedern lösen sich in Fetzen auf und werden von Motten gefressen.
    Der Student bleibt stehen und schaut erstaunt umher. Wie kann das alles so verkommen sein, seit er das letzte Mal hier war?
    Aber wann war er denn das letzte Mal hier? Lebte der frühere Besitzer noch? Ja, wahrscheinlich. Eigentlich hat er ihn selbst nie zu Gesicht bekommen. Nur dessen alten Diener, einen Mann mit strengem Gesicht und feierlicher Würde.
    Während der Student noch nachdenkt, betritt eben jener Diener den Saal. Er hat einen großen Staubwedel unter dem Arm. seine Livree ist besudelt und zerrissen, die weißen Haare stehen wirr um seinen Kopf, und - ja. tatsächlich! - er schwankt ein wenig beim Gehen und macht fahrige Bewegungen mit den Händen, während er vor sich hinmurmelt.
    «Guten Tag!» sagt der Student höflich, «könnten Sie mir bitte sagen ...»
    Aber der alte Diener geht gestikulierend an ihm vorüber und scheint ihn nicht wahrzunehmen. Der Student folgt ihm.
    «Sinnlos!» murmelt der Diener mit einer definitiven Geste, «es ist absolut sinnlos, daß man überhaupt anfängt. Gott zum Gruß, mein lieber junger Mensch.»
    Der Student ist einigermaßen verwirrt. «Was meinen Sie damit?»
    «Ganz gleich was!» schreit ihn der Diener an. «Ein Anfang, das ist immer eine ungeheuerliche Sinnlosigkeit. Warum? Es gibt ihn nicht! Kennt die Natur vielleicht einen Anfang? Nein! Also ist es widernatürlich anzufangen! Und in meinem Fall? Ebenso sinnlos. Beweis: Zum Beispiel jetzt.»
    Er zieht eine Flasche aus der Rocktasche, kippt einen Schluck in seine Gurgel, schüttelt sich, rülpst, steckt die Flasche sorgfältig wieder weg. Der Student will gerade seine Frage vorbringen, aber der Alte fährt schon fort:
    «Denken muß man», er tippt sich mehrmals gegen die Stirn, «objektiv denken, das muß man! Verstanden, junger Mensch? Wenn ich also objektiv denke, dann muß ich mir sagen, es besteht nicht die geringste Aussicht, daß ich, ein einzelner, schwacher Mensch, an der Lage der Dinge irgend etwas ändern werde. Wer bin ich denn, daß ich mich dessen unterfangen dürfte? Ein von lebenslänglicher Anstrengung zu denken entnervter Greis, das bin ich. Keine Widerrede!»
    Wieder zieht er die Flasche heraus, trinkt, wischt sich mit dem Ärmel den Mund.
    «Man muß aus dem Geist leben, verstanden, junger Mensch? Aus der Erkenntnis muß man leben! Aber das ist gar nicht so einfach. Besonders im alltäglichen Leben. Angenommen, ich stürze mich in den aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht all dieses schlummernden Staubes - was werde ich ausrichten? Nichts, gar nichts, das sagt mir meine logische Vernunft. Außer vielleicht eine Verschlimmerung der sowieso schon verzweifelten Verhältnisse. Ein Beispiel: Ich werde jetzt diesen Vorhang aufziehen, worauf der sofort abreißen wird.»
    Er zieht einen schweren Vorhang am Fenster auf, und dieser reißt sofort ab und sinkt in einer Staubwolke zu Boden.
    «Ein weiteres Beispiel», fährt der Alte unbeirrt fort, «ich werde versuchen, dieses Fenster zu öffnen, worauf es mir sofort entgegenfallen wird.»
    Er versucht das Fenster zu öffnen, und es fällt ihm sofort entgegen. Die

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