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Der Kristallpalast: Ein Steampunk-Roman (German Edition)

Der Kristallpalast: Ein Steampunk-Roman (German Edition)

Titel: Der Kristallpalast: Ein Steampunk-Roman (German Edition)
Autoren: Oliver Plaschka , Matthias Mösch , Alexander Flory
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Miss Niobe
    Der Geist in der F lasche
    Ecce venit comitum Niobe celeberrima turba
    vestibus intexto Phrygiis spectabilis auro
    et, quantum ira sinit, formosa ...
    – Ovid, Metamorphosen
    B ailey hatte gesagt, ich solle mich gegen neun auf Lady Sedgwicks Soiree einfinden. „Reisen Sie unauffällig, Miss Niobe“, hatte er geflüstert, „und überwältigen Sie uns! Ich will, dass Sie den Abend überstrahlen wie die Sterne die rauchenden Schlote der Stadt. London soll erblassen vor Neid.“ Wie ich das zustande bringen sollte, hatte er nicht gesagt, aber das war Lord Baileys Art.
    Also hatte ich davon abgesehen, eines der protzigen Gefährte zu verwenden, in denen er selbst so gerne reiste, und mit einem Hansom vorliebgenommen, dessen Fahrer mich nicht kannte und mich auch nie wiedererkennen würde. Die Räder ratterten über das Kopfsteinpflaster entlang der Themse wie eine klappernde Nähmaschine.
    Tatsächlich trug ich die Kleider einer Näherin. Überhaupt dachte ich so angestrengt wie möglich ans Nähen: Ich stellte mir vor, ich sei eine unbescholtene Frau, die abends sicheren Fußes die Stadt durchqueren wollte (um sich mit einem Notar zu beraten oder noch einmal die Bücher der kleinen Manufaktur einzusehen, die ihr Mann ihr hinterlassen hatte) und die mit ihrer Handvoll Arbeiterinnen einen schweren Stand gegen die rasend voranschreitende Technisierung der Welt hatte. Das Bild stand mir plastisch vor Augen, und nach kürzester Zeit war ich sicher, dass der Fahrer hinter mir ebenfalls an nichts anderes mehr dachte und sich an nichts anderes würde entsinnen können als daran, eine anständige Bürgerin transportiert zu haben; eine bedauernswerte Seele wie er selbst, die spät an einem Sonntag noch arbeiten musste.
    Ich atmete zufrieden durch.
    Natürlich war das alles blanker Unsinn: Weder besaß ich eine Fabrik, noch war ich je verheiratet gewesen oder hatte meine Kleider je selbst ausgebessert; inzwischen besaß ich mehr Kleider, als ich je tragen könnte, und damals, ja, damals ...
    Ich rang den Gedanken nieder, denn er störte das Bild, das ich im Geist des Kutschers aufrechtzuerhalten bemüht war. Es war schwierig. Bisweilen waren meine Erinnerungen so übermächtig, dass sie alles andere zu verschlingen drohten. Sie suchten mich dieser Tage häufig heim.
    Wir ließen den geziegelten Alptraum Millbanks hinter uns, jene Festung in Form einer Schneeflocke, wo das Empire seine Verbrecher ausschied und mit Schiffen an die fernen Enden der Welt brachte; wir durchquerten Westminster mit allem gebotenen Respekt vor dem gotischen Palast, an dem seit über zehn Jahren gebaut wurde, schon alt, bevor er vollendet war, und trieben schließlich ins turbulente Niemandsland zwischen Soho und Mayfair, wo niemand jemals wusste, in welche Richtung die Gezeiten den Reichtum bald spülen würden.
    Der Hansom hielt auf meinen Wunsch an einer dichtbevölkerten Kreuzung, wo sich zahlreiche Kutschen eingefunden hatten wie schwarze Käfer zu einem Mahl. Kaum, dass die Räder zum Stehen gekommen waren, glitt ich hinaus (dies war keine Frau, die noch an die Hilfe eines Mannes glaubte), zahlte dem Kutscher seine zwei Schilling und war einen Moment später zwischen zwei anderen Kutschen verschwunden. Ich wusste, er hatte mich noch im selben Augenblick vergessen.
    Ich konzentrierte mich darauf, nicht gesehen zu werden, und in wenigen Sekunden hatte ich im Schutz der Schatten die unförmige Steppdecke von meinen Schultern gleiten und in der Gosse verschwinden lassen. Darunter kam meine Abendgarderobe zum Vorschein, die im Wesentlichen aus einem reichlich schamlosen seegrünen Oberteil und einem dazu passenden raffinierten Rock bestand, der sich raschelnd entfaltete. Ein Paisleyschal schützte mich vor der tückischen Aprilkälte.
    Eilig entfernte ich mich vom Ort meiner Verwandlung und bog in die Einfahrt der ansehnlichen Behausung, die Lady Sedgwick ihr Eigen nannte. Wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling trat ich ins Laternenlicht und bereitete mich auf meine neue Rolle vor. Meine älteste Rolle, an der wir lange gearbeitet hatten und die man mittlerweile von mir erwartete: Miss Niobe, die geheimnisvolle Fremde ungeklärter Herkunft und ungeklärten Rangs. Manche munkelten, sie sei eine Attachée des siamesischen Konsulats, doch für eine Siamesin war ich etwas zu groß; weniger freundliche Stimmen hielten sie für den Unfall eines britisch-indischen Gouverneurs und wiesen auf meine Haut hin, die etwas dunkler war als ihre

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