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Der fliegende Weihnachtskater

Der fliegende Weihnachtskater

Titel: Der fliegende Weihnachtskater
Autoren: Andrea Schacht
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Erziehungsversuche
     
     
    S ie stellte mir das Futter hin. Ich umkreiste den Napf mäkelig, obwohl mein Magen leise knurrte. Aber das würde ich ihr gegenüber nie zugeben. Auch nicht, dass ich mich an den Braps gewöhnt hatte. Darum rümpfte ich deutlich die Nase darüber und drehte ihr meinen Hintern zu.
    »Ist wieder nicht recht, Shardul? Tut mir leid, ich habe heute Morgen keine Zeit, dir ein Lachsfilet zu braten. Aber ein Schälchen Sahne sollst du noch bekommen.«
    Nein, bestechlich bin ich auch nicht. Zumindest würde ich ihr nicht die Genugtuung geben, dass ich es vor ihren Augen ausschlappte. Deshalb zockelte ich ins Wohnzimmer, um den süßen Duft aus der Nase zu bekommen, und nahm meine täglichen Erziehungsversuche auf. Dieser verdammte Teppich musste doch endlich mal meinen Wünschen gehorchen. Gerade heute früh war ich wieder besonders wütend auf ihn. Ein Jahr lang prügelte ich jetzt schon auf ihn ein, und nichts tat sich.
    Ich nahm also Anlauf, sprang auf die Ecke, packte sie mit den Krallen und überschlug mich. Dann trommelteich mit den Hinterpfoten auf die so entstandene Rolle, biss in die Fransen und knallte dem faulen Hund die Tatzen um die Kanten.
    Und dann hörte ich ihr Lachen.
    Die lachte über mich. Über mich lachte die!
    Ich ließ die Ecke fahren, stellte mich aufrecht hin, hob den Schwanz und pinkelte in hohen Bogen auf den Teppich.
    Sie hörte auf zu lachen,
    »Shardul, du bist ein Ferkel!«
    Mit energischen Schritten kam sie auf mich zu.
    Ich weg, hinter den Vorhang.
    Ja, ja, ja, es war eine Übersprungshandlung.
    Nein, nein, ich wusste ja, dass sich das nicht gehört. Im eigenen Revier und so.
    Aber der Teppich war Schuld.
    In echt!
    Und sie war jetzt sauer und zerrte ihn raus auf die Dachterrasse. Schrubbte wütend an dem Fleck herum und hängte den Lappen dann über die Brüstung des Geländers.
    »So, ich muss weg, Shardul. Und der Teppich bleibt besser draußen.«
    Sie sah mich grimmig an.
    Ich sah betreten auf meine Pfoten.
    Doch dann sank ihre Stimme wieder sanft und leise auf mich nieder.
    »Heute Abend komme ich wieder, und deine Freundin Janina kehrt heute auch zurück, Shardul. Anschließend bleibe ich fünf Tage hier und spiele mit dir, einverstanden?«
    Ich guckte weiterhin auf meine Pfoten. Sie beugte sich runter zu mir. Ich sah ihr weißes Hemd unter der blauen Jacke mit den Goldstreifen auf den Schultern dicht vor mir.
    »Ach, mein kleiner Tiger, ich wünsche mir so, du würdest ein bisschen Vertrauen zu mir haben.«
    Ihre Hand kam näher, als wollte sie mich anfassen.
    Ich hob die Kralle.
    Weder klein noch dein, nur Tiger, fauchte ich.
    Sie zog die Hand zurück.
    »Na, tschüß dann, Shardul.«
    Klang irgendwie traurig.
    Aber wen interessiert das schon?
    Die Tür fiel hinter ihr zu, und ich trabte in die Küche. So schlecht war das Futter nämlich nicht. Also, damals im Bazar hatte ich manchmal Abfälle fressen müssen, die ekeliger waren als das hier. Und die Sahne war – na ja, die war die Krönung. Ich putzte das Schälchen gründlich sauber. Vor ihrem Kommentar darüber konnte ich ja später meine Ohren verschließen.
    Das beherrschte ich hervorragend.
    Dann hätte ich mich gerne auf dem Teppich zusammengerollt, aber der hing jetzt draußen. Und draußen war es kalt.
    Wie überhaupt das Klima hier scheußlich war! In meiner Heimat war es weit angenehmer.
    Soweit ich mich erinnern konnte. Warm und feucht und – äh, ja, manchmal zu warm und zu feucht. Aber wenigsten nie so kalt, dass einem die Ballen froren und die Ohren eisig wurden.
    Also gut, wenn schon nicht Teppich, dann wenigstens mein zweiter Lieblingsplatz. Ich sprang auf den Sessel und drehte mich zurecht, um aus dem Fenster zu schauen. Das einzige bisschen Freiheit, das ich noch hatte. Ich, ein ungebundener Kater, der den Bazar von Jaipur sein Revier nennen konnte.
    Was blieb mir da noch von? Eine Dreizimmerwohnung mit Dachterrasse und ein Teppich. Gut, sie hatte eine Klappe ins Fenster eingebaut, und wenigstens durch die konnte ich mich nach draußen begeben, um dem Flug der Vögel und Flugzeuge am Himmel zu folgen.
    Schöne Scheiße das!
    Was das Fliegen anbelangte, meine ich. Die Frau ging fast jeden Tag aus dem Haus und setzte sich in so eine Maschine und flog. Ja, das tat die. Maschine! Man stelle sich das vor!
    Wie grauenvoll das war, wusste ich nur zu gut.
    Ein Grund mehr, sie nicht leiden zu können.
    Ich brütete düster vor mich hin – vielleicht schlief ich auch ein bisschen –, und dabei

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