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Der Bund der Drachenlanze - 08 Michael Williams

Der Bund der Drachenlanze - 08 Michael Williams

Titel: Der Bund der Drachenlanze - 08 Michael Williams
Autoren: Das Siegel des Verraters
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Kapitel 1
Rücktritt voller Erinnerung
    Jetzt konnte er zum Turm zurückkehren. Von den höchsten
Ästen eines fernen Vallenholzbaumes beobachtete Bonifaz
mit einem Fernrohr, wie Sturm festgenommen wurde. Er
sah, wie der Junge die Hand ausstreckte, wie der Hauptmann sie ergriff, wie die freundschaftliche Geste steif wurde und wie die Miliz sie alle abführte, die Pferde, die kleine
Elfe und Feuerklinge. Alle nach Dun Ringberg, wo die alte
Druidin einem wütenden Tribunal vorstehen würde.
    Der beste Schwertritter von Solamnia zog seinen dunklen
Mantel fester um sich und erbebte vor Freude. Umrahmt
vom bedrohlichen, roten Mondlicht sah er von weitem aus
wie ein riesiger Rabe oder ein unaussprechliches Wesen
mit Fledermausflügeln, das hoch oben in dem mächtigen
Baum kauerte. Der Frühlingswind legte sich, und in den
oberen Zweigen herrschte wieder tiefster Winter. Es war
totenstill, und die Atemwolken von Bonifaz stiegen gespenstisch in die mitternächtliche Luft.
    Soll die alte Hexe den Jungen haben, dachte er. Wie eine
Spinne glitt er den Baum hinunter.
Sollen sie ihn hängen oder kochen oder was auch immer
sie in den Barbarendörfern von Lemisch machen. Egal was,
es wäre völlig angemessen.
Und vielleicht würde es ja den Rat im fernen Turm, wo
Eid und Maßstab im Schrank verstaubten, aus einem Tiefschlaf reißen. Der Tod seines Schützlings konnte Gunthar
Uth Wistan vielleicht zu einem längst überfälligen Feldzug
nach Süden verleiten. Dann würden die Menschen in Dun
Ringberg, im Finsterwald, in ganz Lemisch und später in
Trot und Neraka erfahren, was es hieß, Orden und Maßstab zu mißachten.
Aber selbst wenn Fürst Gunthar sich nicht aus dem Turm
bewegte, wenn der Junge nicht gerächt und Lemisch verschont bliebe, wenn diese Nacht das Ende der Angelegenheit wäre, würde Bonifaz trotzdem zufrieden sein. Denn
der jahrelange Krieg wäre endlich vorbei.
Fürst Bonifaz von Nebelhafen sprang in den Sattel seines
schwarzen Hengstes. Mit der Geschmeidigkeit dessen, der
vom Pferd aus auf engstem Raum gekämpft hat, wendete
er schwungvoll sein Pferd und ritt in vollem Galopp zum
Vingaard, während seine Gedanken bei seinem ältesten
Schmerz weilten.Sie waren zusammen aufgewachsen, Angriff und Bonifaz. Ob mit dem Schwert oder mit dem Buch,
in der Reitkunst oder im Listenreichtum, sie standen einander in nichts nach, und auch von ihren ersten Feldzügen
gegen die Oger von Blod bis hin zu den Grenzkriegen mit
den Männern aus Neraka gab es kaum Unterschiede zwischen ihnen. Nur ihre Treue zu Eid und Maßstab war nicht
dieselbe.
Bonifaz lebte für den Orden und brauchte dessen Regeln
und Rituale wie die Luft zum Atmen. Buch um Buch des
Maßstabs mit seinen ausführlichen Kapiteln, Listen, Besonderheiten und Ausnahmen hatte er ehrfürchtig auswendig
gelernt, bis seine Kameraden ihn lächelnd »den nächsten
Hofrichter« genannt hatten.
Sie hatten ihn belächelt, weil sie ihn bewunderten. Dessen war sich der junge Bonifaz sicher gewesen, und während seiner Knappenzeit und den ersten Rängen der Ritterschaft war seine Selbstsicherheit aus der Buchstabentreue
erwachsen, aus den Gesetzen und Grenzen, die der Orden
gepflegt hatte, seit der Zeit, als Vinas Solamnus zum ersten
Mal die Feder in die Tinte getaucht hatte.
Er verstand nicht, wieso Kodex und Maßstab für seinen
Freund Angriff mehr ein Spiel waren. Manchmal litt Bonifaz und fürchtete, er würde Angriff noch hinter sich lassen
müssen, weil seine eigene Belesenheit und Ernsthaftigkeit
in der Rose der wahren Ritterschaft erblühen würden und
Angriff nur noch ein Hanswurst wäre, eine warnende Geschichte für zukünftige Ritter, daß Erbe, Aussehen und
Großmut einen noch nicht zum Ritter machten. Er erwartete wirklich so etwas, doch auch Angriff wurde Knappe und
dann Ritter der Krone, der im vierten Feldzug gegen Neraka ausgezeichnet diente.
Einen schwächeren Freund hätte es geärgert, mit ansehen
zu müssen, wie dieses brillante Talent seine Zeit mit Spiel
und Musik und Poesie vergeudete, mit allem anderen als
Pflicht und Ehre. Einen schwächeren Freund hätte das geärgert, doch Bonifaz hielt zu Angriff, denn er hoffte entgegen allen Anzeichen, daß der Erbe der edlen Linie der
Blitzklinges, Sohn von Emelin und Enkel von Bayard Blitzklinge sich der Disziplin zuwenden und dadurch glücklich
werden würde, daß jede seiner Taten mit dem unbeugsamen Recht des Maßstabs im Einklang stand.
Bonifaz hoffte. Zumindest bis sein

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