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Das nasse Grab

Das nasse Grab

Titel: Das nasse Grab
Autoren: Horst Hoffmann
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1.
    Nur hin und wieder rissen die Wolken auf und gaben den Blick frei auf den wieder zur vollen Scheibe gewachsenen Mond.
    Dies war Zedras Mond – der Seelenmond.
    Heftige Winde peitschten das Meer und blähten die mächtigen Segel der Sturmbrecher, trieben sie weiter gen Süden, auf jene Gewässer zu, von denen selbst Hexen und Amazonen nur im Flüsterton sprachen. Doppelt mannshohe Wellen rollten gegen den Rumpf des gewaltigen Schiffes. Silbrige Gischt spritzte über die Reling und in die Gesichter der Kriegerinnen, die Winden und Wetter trotzten und Ausschau hielten nach kleinen Inseln und gefährlichen Klippen.
    Tertish, Gorma und Gudun standen eng beisammen neben dem Steuerruder, das von zwei Amazonen gehalten werden mußte, und starrten finsteren Blickes in die sturmdurchtoste Nacht. Nicht nur Klippen und Untiefen hatten sie zu fürchten. Blitze rissen die Finsternis auf, und mit jedem Lichterspeer konnte das Grauen wiederkehren.
    Es lauerte in der Tiefe und in der Luft, griff blitzschnell und so ungestüm an, daß jede Gegenwehr immer um einige Herzschläge zu spät kommen mußte.
    Tertish drehte den Kopf und blickte am Mast hinauf, an dem zwei zerfetzte Segel flatterten. Und zwei Kriegerinnen waren es auch gewesen, die der Entersegler mit in den Tod genommen hatte.
    Die heftig schaukelnden Öllampen warfen gespenstische Schatten über das Deck. Überall kauerten Amazonen hinter schützenden Aufbauten, die Schwertlanzen mit beiden Händen umklammert.
    Tertish wandte sich wieder den Gefährtinnen zu. Sie nickte grimmig.
    »Wenn wir Zaemund Burra zu Hilfe kommen und das Unheil bannen wollen, das sich im Nassen Grab für ganz Vanga zusammenbrauen soll«, rief sie laut, um das Tosen des Sturmes zu übertönen, »wird es Zeit, den Kurs zu ändern!«
    Gorma und Gudun antworteten nicht. Wie Tertish hatten sie ihre Ungeduld zu bezähmen. Tertishs Worte waren ein Vorwurf, der Sosona galt, die sie nun schon viel zu lange warten ließ. Immer noch befand sich die Hexe in ihrer Unterkunft und wartete auf eine weitere Nachricht von Zaems Kampfhexe Niez.
    Dabei reichte den Amazonen völlig, was Niez sie hatte wissen lassen, kurz nachdem die Lumenia mit all ihren Bewohnern und Burras Feinden gesunken war. Nur Gorma und Gudun waren von der Sturmbrecher aufgefischt worden.
    In Niez’ Nachricht hieß es, daß Zaems Regenbogenballon Zaemora im Gebiet des Nassen Grabes von Enterseglern angegriffen und zum Absturz gebracht worden sei. Diese Botschaft kam einem Hilferuf für die Zaubermutter gleich – und einer eindringlichen Warnung vor den Gefahren, die Vanga vom Nassen Grab drohen sollten.
    War es für die Amazonen zunächst kaum vorstellbar gewesen, daß Zaem von Enterseglern derart bedrängt werden konnte, so mußten sie ihre Meinung rasch ändern, als sich die ersten Bestien aus den Fluten hoben und in ungezügelter Wildheit das Schiff angriffen. Sie waren kaum noch mit den Enterseglern zu vergleichen, die die Sturmbrecher schon vorher überfallen hatten. Hatten sie dort, in den Gewässern vor Gavanque, eine Größe von sechs, sieben Körperlängen gehabt, so maßen sie nun bereits fast das Dreifache.
    Zaem befand sich in einer unbekannten Gefahr – und mit ihr Burra, die sie auf dem Weg zum Hexenstern begleitete, wo es galt, Fronja zu töten.
    Die Zaubermutter selbst hilflos zu wissen, war etwas Ungeheuerliches und gab den Amazonen eine Ahnung von den Kräften, die nach ihrer Welt griffen. Betroffener aber waren sie von Burras Schicksal, denn Burra war ihre Anführerin. Seite an Seite mit ihr hatten sie zahllose Kämpfe ausgefochten und allen Gefahren zu trotzen verstanden, die diese unruhige Zeit voller böser Omen gebar.
    »Wie lange wollen wir noch warten?« fragte Tertish.
    Bevor Gudun oder Gorma ihr antworten konnten, schälte sich eine Gestalt aus den tanzenden Schatten. In ihrem gelben Mantel war Sosona schon durch den peitschenden Regen zu erkennen, als sie noch gute zehn Schritte von den Amazonen entfernt war. Sie sah sie und kam zielstrebig auf sie zu.
    Ihr Gesicht verriet, daß sie nichts mehr von Niez gehört hatte. Sie nickte finster, als die Amazonen auseinanderrückten und Platz für sie in ihrem Kreis machten.
    »Es bleibt uns keine andere Wahl«, sagte sie, »als nun gen Westen zu segeln.«
    »Du scheinst nicht sehr begeistert davon zu sein!« rief Gudun in das Rollen des Donners hinein. Sie fluchte und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Natürlich bleibt uns keine Wahl!«
    »Wir fürchten

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