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Das Meer in Gold und Grau

Das Meer in Gold und Grau

Titel: Das Meer in Gold und Grau
Autoren: Veronika Peters
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1
Die Insel von Palau
    Früher habe ich ohne zu zögern gesagt: Ich mag alte Leute. Ich habe ihnen die Türen aufgehalten, meinen Sitzplatz im Bus angeboten oder Einkaufstaschen in den vierten Stock getragen.
    Meine Großeltern habe ich oft und unaufgefordert besucht. Sie waren lieb zu mir, manchmal geradezu rührend, vor allem wenn sie meinten, mich aufheitern zu müssen. Ich aß Kirschstreuselkuchen, hörte zu, wenn sie von Arztbesuchen, verstorbenen Nachbarn oder vergangenen Urlaubstagen am Comer See erzählten, und wurde dafür ein braves Mädchen genannt. Sie lebten in ihrer Welt, so wie ich in meiner, das bewahrte uns in Zuneigung und vor Missverständnissen. Ab und zu blieb ich für ein oder zwei Stunden, verschwand wieder, und alle waren zufrieden. Bis zu ihrem letzten Tag hat meine Großmutter mit mir den Neid ihrer vereinsamten Tischnachbarinnen geschürt. Ich war die Enkelin, die regelmäßig auftauchte, die auch mit anderen Heimbewohnern ein paar Worte wechselte, an Feiertagen eine Runde Canasta mitspielte. Das hätte ich auch gemacht, wenn nicht die immer gleiche Packung Merci mit dem Geldschein unter der Zellophanhülle auf der Kommode für mich bereit gelegen hätte. Ich war froh, dass die Alten mich mochten, und vermisste die Nachmittage, als Großmutter gestorben war. Sie waren so etwas wie ein Rückzugsraum gewesen, ein Platz, an dem ich nichts weiter tun musste als jung und zuvorkommend sein.

    Dass ich aber mit Leuten über siebzig leben, arbeiten, sie zu Freunden haben könnte, so ein Gedanke wäre mir nie gekommen. Hätte mir jemand den Vorschlag unterbreitet, wäre, bei allem Respekt, die Antwort klar gewesen: »Danke, das nun doch nicht!«
    Â»Zu kompliziert, zu anstrengend, zu umständlich für jemanden, der nicht zur Selbstaufgabe neigt«, hätte ich gesagt, »eine klare Trennung der Wohnbereiche und kein unnötiges Durcheinander, was mich und die ältere Generation angeht: Jeder lebt dort, wo er hingehört, das erhält die Freundschaft.«
    Ein Glück, dass ich vorher nicht gefragt worden bin.
    Was nicht heißen soll, dass das Zusammensein mit Tante Ruth und ihrem eigenartigen Hausstand keine Überforderung gewesen wäre, für alle Beteiligten. Es war kompliziert, anstrengend und umständlich, aber vor allem war es … Schwer zu sagen, wie es »vor allem« gewesen ist. Das Einzige, was mir einfällt, um es zu beschreiben, sind diese Wörter aus den Fernsehzeitungen für den Mittwochsfilm. Und damit hatte die Zeit dort nun wirklich gar nichts zu tun.
    Â 
    Jetzt sitze ich hier, beobachte, wie im Südosten Wolkenfelder aufziehen, die Sturm bedeuten können, und frage mich, wie am besten von Ruth zu erzählen ist. Knapp oder ausufernd, sorgfältig rekonstruiert oder als improvisierte Erinnerung? Wie ich es auch drehe: Ich werde ihr nicht gerecht werden. Nicht weil sie so großartig gewesen wäre, das war sie gar nicht. Sie war einfach und schwierig, geradlinig schräg und verlässlich launisch, Letzteres manchmal sehr, und ich kann mir bis heute keinen Reim auf sie machen.
    Sie war meine alte Tante, eine, die mir einen Ort gegeben hat und Menschen, bei denen ich eine Zeit lang sein konnte; sie
hat meine Sicht auf ein paar Dinge verändert, aber vielleicht trifft es auch das nicht genau. Sie hat eine Spur hinterlassen, von der ich gerne einen Gipsabdruck hätte. So ist das.
    Â»Irgendwann ist alles Vergangenheit«, sagte sie oft, wenn die Nachrichten liefen, »c’est la vie.«
    Ich habe ihr jedes Mal widersprochen. Ruth hielt es für Unsinn, sich dagegen aufzulehnen, wie es in der Welt zugeht. Menschen sterben, Häuser brennen ab, dagegen hatte sie im Großen und Ganzen nichts einzuwenden.
    Ich schon.
    Jetzt ist sie tot und das Palau ein Haufen Asche.
    Ich kann ohne sie. Aber ich will nicht, dass sie verschwindet.
    Ruth sagte: »Man wird nie jemandem gerecht.«
    Wenn das stimmt, ist es mir egal.
    Â»Was erzählt worden ist, bleibt.«
    Noch so ein Spruch.
    Â 
    Dass man sich seine Verwandten nicht aussucht, trifft in unserem Fall nicht zu.
    Â 
    Als ich Ruth kennenlernte, war sie dreiundsiebzig, ich neunundzwanzig, eine Differenz von vierundvierzig Jahren. Es stand also reichlich Lebenszeit zwischen ihr und mir. Aber ihr bot man nicht ungestraft den Sitzplatz an, ihr hielt man die Tür besser nur dann auf, wenn sie keine Hand frei hatte,

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