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Das Buch Rubyn

Das Buch Rubyn

Titel: Das Buch Rubyn
Autoren: John Stephens
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Sie nahm sich nicht die Zeit, ihnen zu sagen, dass sie vom Fenster weggehen sollten. Wenn sie und ihre Geschwister erst fort waren, wäre auch die Gefahr für die anderen Kinder gebannt. Kate rannte durch die Eingangshalle zur Kellertreppe und stürmte, drei Stufen auf einmal nehmend, nach unten. Als sie im Edgar Allan Poe Waisenhaus ankamen, hatte Kate als Erstes das Buch Emerald in zwei dicke Plastiktüten gewickelt und war dann in den Keller geschlichen, während Michael und Emma Wache gestanden hatten. Mit einem Löffel, den sie aus dem Speisesaal stibitzt hatte, lockerte sie drei Backsteine in der Wand hinter der Heizung und versteckte das Buch Emerald dahinter.
    Im Keller war keine Menschenseele. Kate holte den staubigen Löffel unter dem Heizkeller hervor und fing an, an den Backsteinen zu hebeln. Anfangs war sie regelmäßig hierher gekommen, meistens mitten in der Nacht, um sich zu vergewissern, dass die Chronik der Zeit noch immer sicher verwahrt war. Aber nun war sie seit zwei Monaten nicht mehr im Keller gewesen. Denn es war eine Tatsache, dass Kate die Gegenwart des Buches spüren konnte, egal wo sie sich aufhielt. Zwischen ihr und der Chronik bestand eine Verbindung; das Buch war ein Teil von ihr geworden. Als sie das schwere, in Plastikfolie gewickelte Päckchen aus der Nische zog, zitterten ihre Hände vor Erregung.
    Im Sonnenlicht, das durch das gelbe Zeltdach fiel, sahen die etwa vierzig Gäste der Gartenparty aus, als litten sie an Malaria. Die Männer stolzierten in blauen Jacketts mit goldenen Knöpfen und aufgestickten roten Schildkröten auf den Brusttaschen umher, während die Damen lange, weit geschnittene Sommerkleider trugen und breitkrempige Hüte mit Blumenschmuck. Auf einem Tisch standen Schüsseln mit gelber Götterspeise und verschiedenen Eissorten, die sich bereits verflüssigten. Auf einem anderen waren Krüge mit Eistee und Limonade angerichtet worden. In einer Ecke saß ein Streichquartett und fiedelte lustlos daher. Die Musiker schwitzten sichtlich in ihren Fracks.
    Michael entdeckte Miss Crumley inmitten der Gäste. Die Leiterin des Waisenhauses trug ein dottergelbes Kleid und unterhielt sich mit einer Frau, die den längsten und dünnsten Hals hatte, den Michael je gesehen hatte. Ihr Kopf sah aus, als säße er am Ende einer Nudel. Daneben stand ein kleiner, teigig wirkender Mann. Er hatte teigige Hände, teigige Wangen, und sogar die Speckrolle an seinem Nackenansatz hatte eine gewisse Schwammigkeit. Noch eine halbe Stunde im Ofen, dachte Michael unwillkürlich, und er ist durchgebacken.
    Der Mann redete laut und gestikulierte dabei mit seiner Gabel. An der Art, wie Miss Crumley an seinen Lippen hing, erkannte Michael Mr Hartwell Weeks, den Präsidenten des Heimatvereins, in seiner ganzen Pracht.
    »Historienspiele!«, rief er und schwenkte seine Gabel. »Historienspiele, meine liebe Miss Crummy …«
    »Crumley«, verbesserte ihn die Leiterin des Waisenhauses.«
    »… so zieht man die Massen an! Wenn Sie einsteigen wollen, brauchen Sie ein hochklassiges Historienspiel!«
    »Ja, gewiss doch«, gurrte die Dame mit dem Nudelhals, deren Kopf hin und her schwankte.
    »Was für ein Spiel?« Miss Crumley beugte sich vor. »Ich verstehe nicht.«
    Michael trat hinter die Gruppe. Nervös umklammerte er den Riemen seiner Tasche. Wie sollte er sie bloß dazu bringen, dass sie ihm den Schlüssel zu ihrem Büro gab? Sollte er behaupten, es würde brennen? Oder das Waisenhaus stünde unter Wasser? Er musste sich etwas einfallen lassen!
    »Ein Historienspiel! Suchen Sie sich ein historisches Ereignis aus und spielen Sie es nach! Machen Sie eine gute Show draus! Also, dieser Laden hier …« Der Mann schnickte mit der Gabel in Richtung des Waisenhauses und schleuderte dabei versehentlich ein Stück Käsekuchen auf den Hut einer Dame, die neben ihm stand. »Worin liegt die historische Bedeutung? Hmm? Was war hier los?«
    »Nun, das Gebäude wurde 1845 errichtet …«
    »Langweilig! Ich bin schon eingeschlafen!«
    »Während des Bürgerkriegs diente es als Waffenfabrik …«
    »Schon besser! Immer weiter, Crummy! Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind!«
    »Und es wurde von der Armee der Konföderierten angegriffen.«
    »Ha! Bingo!«
    »Oh ja!« Michael sah, dass sich Miss Crumley für die Idee erwärmte. Auf ihrer Oberlippe glitzerten Schweißtropfen. »Und stellen Sie sich vor: Diese Bestien haben mit Kanonenkugeln auf die Nordseite gefeuert! Da habe ich mein Büro! Was wäre geschehen,

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