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Chucks Welt

Chucks Welt

Titel: Chucks Welt
Autoren: Aaron Karo
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I m letzten Jahr habe ich exakt 487 Mal masturbiert. Durchschnittlich neunmal pro Woche und 1,28 Mal am Tag. Ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckt: dass ich so oft wichse oder dass ich ein ganzes Jahr lang mitgezählt habe. Das habe ich nämlich. Der Stapel mit den gelben Klebezetteln in meiner Nachttischschublade wurde immer höher. Wichsen, Strich machen, einschlafen, eine feste Routine.
    Das Problem ist, dass ein großer Teil meines Lebens aus solchen festen Routinen besteht. Wobei Routine nicht ganz der richtige Ausdruck ist. Inzwischen weiß ich, welches Wort passt, aber lange hatte ich keinen Plan. Angefangen hat es jedenfalls letztes Jahr am ersten Januar. Da habe ich mir einen runtergeholt und mich danach, weiß der Teufel, warum, auf einmal gefragt: Wie oft mach ich das wohl in einem Jahr? Ein Vollblut-Teenager hätte da logisch gleich gedacht: Ich brauch dringend eine Freundin, damit ich nicht mehr so viel wichsen muss. Aber mir kam eben ein anderer Gedanke in den Sinn.
    Dabei war das Problem gar nicht mal der erste Januar, sondern der zweite. Da hab ich mir nämlich wieder einen runtergeholt und das auch gleich notiert. Wenn ich mit irgendwas anfange, kann ich nicht mehr aufhören, egal wie bescheuert es ist. Ich denke dann annichts anderes mehr. Irgendwann Mitte März wollte ich das mit der Liste bleiben lassen, aber ohne Strich einschlafen ging einfach nicht. Zwischen Wichsen und Strichliste kam regelmäßig der Gedanke: Wieso machst du nicht weiter, wo du schon so weit bist? Wenn ich meinen Strich erst mal gemacht hatte, ging’s mir gleich besser, und dann bin ich jedes Mal zum Pinkeln aufgestanden. Ich pinkle nämlich auch ziemlich viel.
    Dabei weiß ich ja selbst, wie verrückt diese festen Routinen sind, auch wenn das vielleicht manche Leute erstaunt. Vorm Schlafengehen fünfzehn Mal pinkeln müssen ist nicht normal. Ich habe gerade erst gepinkelt und mir ist vollkommen klar, dass in meiner Blase kein Tröpfchen Pisse mehr sein kann. Ich mach schon nicht ins Bett, alles okay. Aber dann komme ich ins Grübeln, bis ich irgendwann keine Wahl mehr habe: Ich muss aufstehen und ins Bad gehen. Das ist so ähnlich, wie wenn du anfängst, ans Schlucken oder Blinzeln zu denken. Auf einmal hast du nichts mehr sonst im Sinn. Aber irgendwann vergisst du’s dann doch wieder. So ist das mit mir und dem Pinkeln. Bloß vergesse ich es eben nie und außerdem geht das bei mir jeden Abend so. Ich pinkle also sehr oft.
    Und dazu habe ich noch ein paar andere ungute »Angewohnheiten«. Der Herd zum Beispiel   – der Herd ist ein verdammter Albtraum. Wenn ich die Herdplatten nicht kontrolliere, bin ich todsicher, das Haus geht in Flammen auf, und ich, meine Schwester und meine Eltern gleich mit. Stimmt, wenn eine Platte an ist, leuchtet ein kleines Warnlicht auf. Aber das Licht kann doch kaputtgehen, oder? Es gibt insgesamt vier Platten und rein theoretisch könntest du am Herd vorbeimarschieren, ohne zu merken, dass bei einer davon der Drehknopf nicht auf null steht. Nur mal angenommen, ein Geschirrtuch fällt vom Kühlschrankgriff auf diese heiße Platte (okay, der Kühlschrank steht gegenüber vom Herd, aber nur mal angenommen) und fängt Feuer, dann wird die gesamte Familie Taylor durch einen grauenhaften Herdunfall ausgelöscht. Die Vorstellung verfolgtmich. Also überprüfe ich die Knöpfe und Platten. Immer und immer wieder. Mehrmals am Tag. Meine Eltern machen den Herd kaum noch an. Ich wichse öfter, als sie kochen.
    Aber draufgebracht hat mich die Sache mit dem Händewaschen. Irgendwann habe ich gedacht: Mann, du hast echt ein Problem. Wenn meine Hände schmutzig sind, muss ich sie nämlich unbedingt waschen, auf der Stelle. Und meine Definition von schmutzig weicht enorm von der anderer Leute ab. Ihr wascht euch vielleicht die Hände, wenn ihr Hähnchenschenkel gegessen habt oder zum Kacken auf dem Klo wart. Ich muss mir die Hände waschen, nachdem ich Tiere oder kleine Kinder, Briefkästen oder Fahrstuhlknöpfe angefasst habe, und auch wenn ich Geld (richtig schlimm sind Münzen), Hände oder Essen berühre, wobei auch Pfeffer- und Salzstreuer, Senftuben oder Ketchupbehälter unter Essen fallen. Außerdem gilt die Händewaschregel für alles, was in meinen Augen Natur ist, also für Gras, Erde, Holz und so weiter. Ich wasche mir also ziemlich oft die Hände. Manchmal kann ich an nichts anderes denken.
    Wie gesagt, das Händewaschen hat mich draufgebracht. Wenn du in Google den Satz eingibst: »Ich

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