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Blood Romance 04 - Ruf der Ewigkeit

Blood Romance 04 - Ruf der Ewigkeit

Titel: Blood Romance 04 - Ruf der Ewigkeit
Autoren: Alice Moon
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    Landsitz in der Nähe von London, 1877
    »Vorsicht, Henry, sonst tust du ihm weh.«
    Der Junge hielt inne und drehte sich unsicher zu der besorgten Stimme unter sich um. Er schwankte, als ihm bewusst wurde, wie weit er bereits vom Boden entfernt war. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn und er musste sich darauf konzentrieren, seine locker geschlossenen Finger nicht vor Anspannung zu einer Faust zu ballen und den kostbaren Inhalt, den sie bargen, zu zerquetschen. Er holte tief Luft und bemühte sich um ein Lächeln.
    Das Mädchen mit dem langen goldrot schimmernden Haar und dem hellen Leinenkleid stand auf einer Wiese, inmitten von lauter Blumen. In der Abendsonne wirkte es wie ein flimmerndes Bild aus lauter hellen Farbtupfern, beinahe durchsichtig. Sie wischte sich die Augen und blinzelte zu ihm empor. Henry konnte ihre Tränen sogar aus dieser Entfernung in den langen Wimpern glitzern sehen. Wie Tautropfen, dachte er voller Faszination.
    »Bitte, Henry«, schluchzte das Mädchen und der flehende Klang in seiner Stimme versetzte Henrys Herz einen Stich. Er durfte sie nicht enttäuschen, er musste seine zerbrechliche Fracht in Sicherheit bringen. Vorsichtig öffnete er seine Hand einen winzigen Spaltbreit und lugte zu dem kleinen Rotkehlchen, das aus dem Nest gefallen war. Seine flaumigen Federn waren warm und feucht von Henrys schweißnasser Hand. Es hatte sein jämmerliches Piepsen eingestellt, aber sein kleines Herz klopfte nach wie vor heftig.
    Nein, Henry durfte nicht kehrtmachen, sosehr er es auch wollte. Er musste weiter, noch weiter hinauf in diese unheimliche, nicht zu enden scheinende Höhe. Er wollte es schaffen - nicht nur für diesen kleinen dummen Vogel, der beim nächsten Sturm vielleicht erneut aus seinem Nest purzeln würde, sondern vor allem für sie, für Emilia. Er konnte es nicht ertragen, sie so traurig und verzweifelt zu sehen. Es war ihm dann jedes Mal, als würde alle Freude, aller Lebenssinn aus seinem eigenen Herzen gesaugt und als hätte es keine Berechtigung mehr, weiterzuschlagen, bis es ihr endlich wieder gut ging.
    Während er sich nur mit seiner freien Hand festhielt, arbeitete sich Henry Stufe um Stufe weiter nach oben. Die ausladenden schweren Äste des Ahornbaumes streckten sich ihm wie riesige Arme entgegen. Jeder seiner Schritte ließ die alte Holzleiter ächzen, die an dem dicken Stamm lehnte.
    »Henry, lieber, lieber Henry! Gleich hast du es geschafft. Nur noch ein paar Stufen! Vorsichtig!«
    Der Junge blieb auf der vorletzten Sprosse stehen und streckte die Hand nach dem Nest aus. Er lockerte seine verkrampften Finger und ließ das kleine Federknäuel frei. Augenblicklich ertönte ein aufgeregtes mehrstimmiges Piepsen aus dem Innern des Nestes und Henry atmete erleichtert auf. Aber erst der glockenklare Jubelruf, der nun zu ihm heraufschallte, erfüllte ihn mit einem Glücksgefühl. Jetzt, wo er sich endlich mit beiden Händen festhalten konnte, machte Henry die Höhe kaum noch etwas aus. Beschwingt von seinem Erfolg, wenn auch noch immer mit wackligen Knien, kletterte er die Leiter hinab. Unten angelangt wurde er von dem Mädchen in Empfang genommen, das ihn vor lauter Freude von der untersten Sprosse zog und ihm um den Hals fiel. Alle Traurigkeit war aus Emilias Gesicht gewichen und ihr Strahlen war die größte Belohnung für den Jungen.
    »Danke, Henry, vielen, vielen Dank!«
    Ihre Stimme und ihr warmer Atem an seinem Ohr jagten ihm einen wohligen Schauer über den Rücken und er schloss die Augen. Ihr seidenes Haar roch nach Lavendel und ihre bloßen Arme schmiegten sich weich um seinen Nacken.
    »Ich hab dich lieb«, flüsterte Emilia. Ihre Lippen berührten für einen kurzen Augenblick seine glühende Wange. »Wenn du bei mir bist, fühle ich mich so sicher. Ich habe dann vor nichts mehr Angst. Bitte bleib immer bei mir, ja? Du darfst mich niemals wieder verlassen.«
    Henry blinzelte und blickte in ihre grünen Augen, die ihn erwartungsvoll und voller Ernst ansahen. Sein gesamter Körper kribbelte in einer ihm bisher unbekannten, aber vielversprechenden Aufregung. Er öffnete die Lippen.
    »Kinder, kommt endlich rein und wascht euch die Hände! Es gibt gleich Abendessen!«, schallte die Stimme seiner Mutter zu ihnen herüber. Seit mehr als sieben Jahren war sie schon als Dienstmädchen bei dem Londoner Geschäftsmann Edward Wellington und seiner Familie angestellt.
    Emilia klammerte sich an Henrys Hemd.
    »Bitte, Henry, versprich es mir. Versprich, dass du immer

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