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Amnion 1: Die wahre Geschichte

Amnion 1: Die wahre Geschichte

Titel: Amnion 1: Die wahre Geschichte
Autoren: Stephen R. Donaldson
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    Die meisten Gäste in Mallory’s Bar & Logis in der Delta-Sektion hatten von dem, was wirklich geschah, keine Ahnung. Was sie betraf, handelte es sich lediglich um ein neues Beispiel animalischer Leidenschaft für Männer und Frauen, die ihre Wollust zueinandertrieb – die Art von Vorkommnis, die jeder nachvollziehen konnte, oder etwas, wovon man wenigstens träumte. Als einzige ungewöhnliche Besonderheit galt in diesem Fall, daß bei der Leidenschaft anscheinend eine Portion gesunden Menschenverstands mitspielte. Nur wenige Personen wußten, daß es damit mehr auf sich hatte.
    In der DelSek zählte Neugierde nicht zu den einem Überleben förderlichen Eigenschaften; zumindest verhalf sie nicht zu den Annehmlichkeiten, die sie in der Alpha-Sektion erschließen mochte, der alternativen Vergnügungs- und Hotelsektion der Kombinats-Montan-Station. Durchreisende Kosmokumpel, diskreditierte Asteroidenpiloten, Trinker und Träumer sowie eine Anzahl Männer, die nie zugaben, Astrobriganten zu sein – die Leute, die entweder nicht nach Alpha paßten oder dort unwillkommen blieben –, alle hatten auf die harte Tour lernen müssen, sich Neugier zu verkneifen. Seitdem hielten sie sich für zu schlau, um am verkehrten Ort die falschen Fragen zu stellen oder um zum ungünstigen Zeitpunkt ungelegene Vorgänge zur Kenntnis zu nehmen. Keiner von ihnen wollte Ärger.
    Bei ihnen hinterließ die Geschichte einen im Grunde genommen ganz einfachen Eindruck.
    Sie begann, als Morn Hyland mit Angus Thermopyle in Mallory’s Bar & Logis aufkreuzte.
    Das Paar erregte Aufmerksamkeit, weil es offensichtlich nicht harmonierte. Abgesehen von der veralteten Bordmontur, die Morn trug, die zudem, als wäre sie von ihr aus einem fremden Spind geklaut worden, nicht ihre Größe hatte, bot sie einen wundervollen Anblick, ihre Figur ließ Säufer des erloschenen Triebs wegen aufstöhnen, und ihr Gesicht zeichnete sich durch eine zierlich-blasse Schönheit aus, die Träumern zu Herzen ging. Im Gegensatz zu ihr verkörperte Angus Thermopyle eine üble, anrüchige Erscheinung, vermutlich den verrufensten Menschen, der je bei der Station Reederechte genossen hatte. Breitheit und Straffheit seiner Visage bildeten ein bräunliches, von Schmuddel fleckiges Froschgesicht mit struppigem Schnauzbart. Zwischen seinen starken Armen und den dürren Beinen bauchte sich sein Wanst wie ein durch Galligkeit und Bösartigkeit aufgeblasener Gummiwulst aus.
    Tatsächlich wußte niemand, wie er es so lange geschafft hatte, seine Reederechte oder überhaupt bloß seine vergammelte Blechbüchse von Raumfrachter zu behalten. Seiner Reputation zufolge endete jeder, der sich mit ihm einließ, ob als Genosse, Crewmitglied oder als sein Gegner, entweder als Leiche oder in Haft. Die Mehrzahl der Leute, die ihn kannten, sagten voraus, mit ihm müßte es auch einmal so ein Ende nehmen, er würde entweder umkommen oder bis zum Schwarzwerden im Knast sitzen.
    Er und Morn wirkten zusammen dermaßen grotesk – sie blieb trotz in ihrer Miene offensichtlichen Widerwillens bei ihm, er scheuchte sie, während seine hintersinnigen Augen glänzten, umher wie ein Sklävchen –, daß keiner der Männer in unmittelbarer Umgebung der Versuchung widerstehen konnte, harmlos einige intrigante Überlegungen anzustellen, sich verträumten Blicks ein paar Spekulationen hinzugeben: Wenn ich sie ihm ausspannen könnte… Wenn sie zu mir gehörte… Doch die Geschichte stand ja erst am Anfang. Niemanden überraschte die beinahe fühlbare Spannung, die über die Köpfe der Gäste hinweg eine Brücke schlug, als Morn Hyland und Nick Succorso sich das erste Mal sahen.
    Nick Succorso gab in mancherlei Hinsicht den beneidenswertesten Mann in der DelSek ab. Er besaß ein eigenes Raumschiff, eine schnittige, kleine Interspatium-Barkentine mit Ponton-Antrieb und erfahrener Crew. Er hatte die Art von Piratenleumund, der es ihm ermöglichte, statt als blutrünstiger Schurke als verwegener Satanskerl dazustehen. Die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit hatte die Wirkung, daß Männer taten, was er verlangte, Frauen ihm anboten, was er wünschte. Und der einzige Makel in seiner kavalierhaften Attraktivität bestand aus den Narben unter seinen Augen, den alten Schmissen, die jeden seiner Blicke unterstrichen und sich dunkler färbten, sobald er etwas sah, das er haben wollte. Manche Leute behaupteten, er hätte sich aus reiner Effekthascherei die Schnitte selbst beigebracht, doch solche Äußerungen

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