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Acht cropped

Acht cropped

Titel: Acht cropped
Autoren: Joe Berti
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    Acht Jahre. Nie im Leben hätte Marc sich träumen lassen, über einen so langen Zeitraum hinweg ein Geheimnis zu hüten. Etwas zu verbergen. Ein Schlupfloch, von dem weder seine engsten Vertrauten noch sein Freund etwas wussten.
    Acht Jahre lang schon schaffte Marc es, an jedem vierten Dienstag im Monat stillschweigend eine Austaste in seinem alltäglichen Leben zu drücken. Er verschwand, wenn auch nur ein paar Stunden, in eine andere Welt.
    Es war so, als ob er die Tür zu seiner Wohnung in Kirchbergen abschloss und, noch während er den Schlüssel umdrehte, den Marc Werting zurückließ, den alle kannten. Den Offensichtlichen. Den Öffentlichen.
    Dabei war schon sein »Öffentliches Leben« ein Buch mit sieben Siegeln, das er nur mit Bedacht zu öffnen wusste. Als Lehrer an einer Grundschule wollte er nicht provozieren und mehr Menschen als notwendig von seiner schwulen Partnerschaft wissen lassen. Gut, einigen seiner befreundeten Kolleginnen hatte er sich inzwischen anvertraut, aber für die anderen war Daniel, mit dem er seit zwei Jahren zusammen war, eine Frau.
    Wie einfach war das Leben als Hete mit einer Freundin! Er musste sich nicht für sein Schwulsein rechtfertigen, aber er wurde auch nicht auf das Singleleben angesprochen, geschweige denn verkuppelt. Die anderen Kollegen und Eltern seiner Schüler wussten, dass er liiert war, und gut war es. Alle waren zufrieden.
    Selbst Daniel. Er wusste, dass Marc zu ihm stand und sich nach und nach immer wieder bei Freunden und neuen Bekannten outete. Er hatte diesen Weg gewählt, weil er für ihn beruflich der einfachste war, und bislang hatte er noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Seine vier Kolleginnen, die er im Laufe des letzten Jahres eingeweiht hatte, empfanden es sogar als Kompliment, dass er zu ihnen offener war als zu anderen. Dabei hatte Marc die Befürchtung gehabt, sie würden es ihm verübeln, dass er sie im Grunde genommen Monate lang angelogen hatte. Doch sie zeigten Verständnis. Anne hatte sogar gesagt: »Es muss für dich eine wahnsinnige Belastung gewesen sein, so oft schweigen zu müssen oder Ausreden zu erfinden. Du Armer! Bei all meinen neugierigen Fragen. Aber ich hätte an deiner Stelle wahrscheinlich ähnlich gehandelt. Was haben wir doch für Spießer im Kollegium! Ich bin dir dankbar für das Vertrauen, das du mir entgegenbringst. Und ich werde mich sehr amüsieren, wenn dich mal wieder jemand auf deine Freundin anspricht."
    Ja, dieses Geheimnis kannten nur manche. Niemand aber erhielt Einblick in die Gründe, warum Marc einmal im Monat dienstagabends in seinen roten Golf stieg und erwartungsfroh den Motor anließ.
    Dann lief meistens dasselbe Ritual ab. Er kramte die Kassette mit dem Lied Things will neuer be the same heraus, das seit mehr als zehn Jahren sein Lied war; gerade nach den Umständen, die sein Leben als Zivildienstleistender über Monate hinweg auf den Kopf gestellt hatten, bis er für sich entschieden hatte, dass es einen Ausweg für sein Dilemma gab, das so ausweglos erschien.
    Eine Alternative sozusagen, die stille Kammer seines Lebens, die er am Dienstagabend für einige Stunde öffnete.
    Jeden vierten Dienstagabend. Seit acht Jahren. Also mehr als hundert Mal. Die Kassette, die Monat für Monat das gleiche Lied spielte, fing bereits zu leiern an.
    Trotzdem gehörte sie dazu.
    Marc wusste, dass es Unsinn war, aber er wiederholte stets dasselbe Ritual. Er griff in das Handfach , legte die Kassette ein und begann, aus seinem gewohnten Leben langsam abzudriften, hinein in eine Art von Auszeit.
    Einer Auszeit, die nichts und niemand beeinträchtigen konnte.
    Schon früh plante Marc die Termine so, dass den monatlichen Ausflügen nichts im Weg stand. Daniel hatte früh von Marcs Spleen erfahren, einmal im Monat für jedermann nicht ansprechbar zu sein. „Dann schalte ich mein Handy aus, gehe nicht ans Telefon und bin für niemanden zu sprechen. Glaub mir, sonst bin ich jederzeit für dich da, wenn du mich brauchst, aber die paar Stunden brauche ich für mich allein. Ich mache da nichts Schlimmes, keine Angst!"
    Ob er nichts Schlimmes machte, war fraglich, darüber ließ sich trefflich diskutieren, das wusste Marc.
    Tatsächlich fuhr er in ein kleines Hotel, gar nicht so weit von zu Hause weg. Als er in Paderborn studierte und hinterher in Bielefeld seine Lehramtsanwärterzeit absolvierte, war es eine Pension in Soest gewesen. Nachdem er im letzten Jahr umgezogen war, um seine Stelle als Lehrer in Kirchbergen

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