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Ab ins Bett!

Ab ins Bett!

Titel: Ab ins Bett!
Autoren: David Baddiel
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    17 nach 2. Aufstehen muß ich spätestens halb eins. Also: zwei Stunden entnervendes Herumwälzen in den Laken (4.17), dann, wenn ich Glück habe, vielleicht drei? Stunden tiefes Koma (7.17), gefolgt von anderthalb Stunden erbarmungslosem Wachsein (8.47), und dann, endlich, der luxuriöse Vormittag, wenn ich ausgiebig döse, mich treiben lasse und träume, als wäre mir's in die Wiege gelegt, macht... insgesamt sechs Stunden und dreiundfünfzig Minuten Schlaf. Nicht ganz die magischen acht Stunden, aber eigentlich nicht schlecht.
    Gut. Ich habe ein Problem, und ich pflege es ein bißchen -manchmal präsentiere ich mich auf Parties damit: Hallo, Gabriel Jacoby, Schlafgestörter - wir alle brauchen schließlich unseren negativen Identitätsausweis. Damit meine ich nicht das Eingeständnis kleiner Schwächen, so was bringt einen bloß in Verlegenheit, nein, ich rede von einer echten Macke, einem wirklich abstoßenden Makel, einem therapeutischen schwarzen Loch, durch das man mit der Botschaft Ich bin interessant, gefährlich und romantisch auftritt. Aber egal, meine Macke - am Ende des Tags kann sie mir echt gestohlen bleiben.
    2.19 jetzt. Schlaflose Menschen sind gnadenlos im Hinblick auf Zeit, Nachtzeit, denn jede Minute ist ein Korn mehr, das durch die Sanduhr direkt in den Kopf rieselt und sich den nächsten Tag dort festsetzt. Aber 2.19 ist gar nichts; o nein, 2.19 ist immer noch der beste Teil des Tages, auf was kann man sich da nicht noch alles freuen! Ein Weltklasse-Schlafgestörter spricht nicht vor, frühstens, frühstem halb sechs von einer schlechten Nacht, und auch nur dann, wenn sie von Panik, schmerzenden Knochen und zweihundert Gängen zum Klo begleitet ist.
    Ohne Schlafbrille und Ohrstöpsel, eine Art rührende, aber transportable Abpanzerung der Sinne, schlafe ich nie bzw. liege mit hochtourig rotierenden Gedanken im Bett. Die alte FlugzeugSchlafbrille mit dem Aufdruck British Airways wünscht einen guten Flug — na, ich persönlich hätte gegen einen Absturz nichts einzuwenden, solange ich ins ersehnte Schlummerland plumpse — würge ich mir jeden Abend fester um die Augen, so fest, daß es weh tut, was zur Folge hat, daß ich morgens zwanzig Minuten lang außer psychedelischen Lichtern nichts sehe. Das kriege ich damit hin, daß ich Knoten in die beiden Gummibänder mache; bei dieser hier habe ich das schon so oft getan, daß hinten jetzt ein einziger harter Gummiklumpen ist, der mir manchmal, wenn ich endlich gerade eingeschlafen bin, an den Kopf preßt und mich weckt. Ich brauche eine neue, aber Schlafbrillen gibt’s in keinem Laden zu kaufen, man muß schon in ein verdammtes Flugzeug steigen, und ich bin seit Jahren nicht mehr geflogen. Es gibt allerdings Nächte, in denen ich so verzweifelt bin, daß ich erwäge, mein Arbeitslosengeld zu sparen und für einen Trip zu verschwenden nach, wasweißich, Australien, auf die Bermudas, Fidschi!, sonstwohin, bloß um an eine dieser dämlichen Schlafbrillen zu kommen. Die Ohrstöpsel, rosa, wachsig, kugelig wie Kaninchenhoden, presse ich mir jede Nacht tiefer und tiefer in die Ohren, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß ich ohnmächtig werde. Jetzt würde ich es nicht mal mitkriegen, wenn Metallica mit einem Überraschungsgig in mein Schlafzimmer einfiele, aber das Pochen in meinem Kopf hält mich wach. Eines Nachts bleiben die Dinger bestimmt stecken, und ich muß die Feuerwehr rufen.
    Wonach ich mich in dem schleichenden, schleichenden Dunkel sehne? Mit zwölf wurden mir die Mandeln herausgenommen, und ich kann mich an den Anästhesisten erinnern, der rückwärts zählte, zehn, neun, acht, sieben, sechs, und bei sechs schlief ich ein. Genau darum geht’s: Ich will den Augenblick des Einschlafens mitbekommen. Dummerweise, denn diese zwanghafte Selbstbeobachtung ist schließlich an allem schuld - das Licht in meinem
    Kopf, das mich wach hält, habe ich ja angelassen, um bloß nicht den Moment zu verpassen, wenn jemand kommt und es ausknipsen will. Ich bin ein Trottel mit Schlafbrille, der mit dem Schlaf Blindekuh spielt.
    Eine Frau ist hier. Wenn ich allein bin und rückwärts durch die Nacht zähle, denke ich oft, das wünsche ich mir am meisten. Genau. Und wenn dann die schlechte Nacht zur nervenzerfetzenden, bewußtseinspaltenden Höllennacht wird und die Psychodämonen um 5.30 Uhr zum regelmäßigen Ringelreihen auf meiner Schädeldecke an tanzen, dann, o Gott, Gottseidank, bin ich nicht allein. Aber sie, wasglaubensewohl — sie schläft. Und

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