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241 - Splitterzeit

241 - Splitterzeit

Titel: 241 - Splitterzeit
Autoren: Manfred Weinland
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Ja, so fühlte er sich. Genau so.
    Die Helligkeit, die in seine Netzhäute stach, als er die Augen öffnete, irritierte ihn. Etwas in ihm hatte tiefe Nacht erwartet, erhofft… Himmel, er wusste es nicht. Er wusste für eine ganze Zeitlang überhaupt nichts mehr, trieb einfach dahin in seinem ganz privaten Meer aus Schmerz, bar jeder greifbaren Erinnerung.
    Die aber setzte irgendwann schlagartig wieder ein.
    Von einem Atemzug zum nächsten wusste er wieder alles.
    Wo er war.
    Wie er hierher gekommen war.
    Wie er zusammen mit Matthew Drax versucht hatte, das von einem Erdbeben erschütterte San Francisco des Jahres 1906 wieder zu verlassen…
    … und wie er sich schließlich entschieden hatte, den offenbar einzig möglichen Weg zurück in seine Gegenwart, die von hier aus ein halbes Jahrtausend in der Zukunft lag, allein zu gehen.
    Ohne Drax!
    Arthur Crow richtete sich auf. Sein Blick strich über die hügelige Landschaft der Pacific Heights, kehrte dann aber in seine unmittelbare Umgebung zurück, wo unweit die verkohlten Ruinen zweier Gebäude lagen, die vor nicht einmal einem Tag ein Wohnhaus und eine Scheune gewesen waren. Das Erdbeben und die ihm folgenden Brände hatten die Holzbauten zerstört.
    Der Leiterwagen, den Crow aus dem ebenfalls in Schutt und Asche liegenden Frisco hier herauf geschafft hatte, stand noch neben den Überresten der Scheune. Fast heil sah er aus. Nur die Drehleiter, die Crow hinaufgestiegen war, um das Tor in die Zukunft zu erreichen, jene wie aus Kristallsplittern zusammengesetzte Sphäre, durch die er gemeinsam mit Drax gekommen war – von dieser Drehleiter existierte nur noch ein abgebrochener, wie anklagend zum Himmel gereckter Stumpf, nicht mehr als vier, fünf Sprossen lang und zersplittert. Eine brutale Kraft hatte die kinderarmdicken Holme wie morsche Knochen brechen lassen.
    Crow schluckte bitteren Speichel hinunter, der sich plötzlich in seinem Mund gesammelt hatte, und er musste zwei, drei Sekunden lang gegen den Reflex angehen, sich zu übergeben.
    Aller Wahrscheinlichkeit nach konnte er von Glück reden, dass es ihm nicht ebenso ergangen war wie dieser Leiter. Die Kraft, die ihn aus dem Zeittor wieder herausgeschleudert hatte, musste auf die Konstruktion eine ganz andere, zerstörerische Wirkung gehabt haben.
    Dass sie ihn nicht ebenfalls zerbröselt hatte, mochte viele Gründe haben. Vielleicht verschonte sie organische Materie. Vielleicht hatte ihn auch nur gerettet, dass er das Zeittor schon einmal durchquert hatte…
    Der Gedanke setzte sich in ihm fest.
    Einerseits war er körperlich nicht zu Schaden gekommen, spürte nur geistig noch immer die Auswirkungen der verwehrten Passage. Es war, als wäre sein Geist in zwei Teile zerrissen worden. Für den Bruchteil einer Ewigkeit hatte er alles doppelt gesehen… nein, nicht nur gesehen: gefühlt! Als hätte ihn die Zeitblase auseinander reißen wollen, um ihn aufnehmen zu können. Das aber war nicht gelungen, und so war er wieder ausgespien worden.
    War ihm also nur deshalb der Rücksprung nicht gelungen, weil… weil alles, was in diese Zeit geschleudert worden war, auch nur wieder gemeinsam zurück gelangen konnte?
    »Das darf doch nicht wahr sein…«
    Auf einmal fühlte Crow bleierne Schwere und Eiseskälte in sich. Natürlich verstand er so gut wie nichts von Zeitreisen oder -sprüngen, aber er konnte logisch denken und kombinieren.
    Er war mit Matthew Drax aus der Zukunft in die Vergangenheit transportiert worden – sie waren quasi in diese Zeit eingedrungen wie ein Fremdkörper. Und das hieß aller Wahrscheinlichkeit nach, dass die Energie des Tores – oder was darin auch immer wirkte – sie nur beide wieder von hier fort lassen würde…
    »Wer anderen eine Grube gräbt…«, seufzte Crow, stand auf und packte sein Zeug zusammen, das er hatte mitnehmen wollen, um den Koordinator im Flächenräumer damit zu erledigen: Waffen und Dynamit. Auch wenn es ihm nicht in den Kram passte, so musste er doch dorthin zurück, wo er Matthew Drax zurückgelassen hatte. Der verdammte Commander war schon immer eine hartnäckige Laus in seinem Pelz gewesen – und nun hatte sogar das Schicksal höchstselbst beschlossen, sie ihm auch weiterhin aufzubürden.
    Er würde ihn aus der Gewalt der Polizei befreien und hierher bringen müssen, damit sie den Zeitsprung gemeinsam wagen konnten. Kurz überlegte er, ob das auch mit einem toten Matt Drax gelingen konnte – aber das Risiko erschien ihm dann doch zu groß.
    Das Pferd, mit dem

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