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Wiedersehen in Virgin River

Wiedersehen in Virgin River

Titel: Wiedersehen in Virgin River
Autoren: Robyn Carr
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1. KAPITEL
    E in für September ungewöhnlich heftiger, kühler Wind peitschte kalten Regen gegen die Fensterscheiben, und es war bereits dunkel, obwohl es erst halb acht war. Preacher reinigte den Tresen, denn niemand in Virgin River würde in einer solchen Nacht noch ausgehen. An kalten, regnerischen Abenden blieben die Leute nach dem Abendessen lieber zu Hause, und die Camper und Angler, die in der Gegend waren, dürften sich längst gegen den Sturm verbarrikadiert haben. Es war zwar Jagdsaison auf Bären und Rehe, aber bei einem solchen Wetter war kaum damit zu rechnen, dass ein Jäger um diese Zeit noch auf dem Weg von oder zu den Jagdhütten und Schießständen vorbeikam. Sein Partner Jack, der Besitzer der Grillbar, und dessen frischgebackene Ehefrau hatten sich bereits in ihr Waldhaus zurückgezogen, denn er wusste, dass es nur noch wenig, wenn überhaupt etwas zu tun gab. Auch ihre siebzehnjährige Hilfskraft Rick hatte Preacher längst heimgeschickt, und er selbst plante, das „Geöffnet“-Schild auszuschalten und die Tür abzuschließen, sobald das Feuer ein wenig weiter heruntergebrannt war.
    Er schenkte sich einen Schluck Whiskey ein und trug ihn zu dem Tisch, der dem Feuer am nächsten stand. Dann drehte er einen Sessel zum Kamin und legte die Beine hoch. Preacher mochte solche ruhigen Abende wie heute, denn er war ein eigenbrötlerischer Typ.
    Der Frieden sollte jedoch nicht lange dauern. Jemand zerrte an der Tür, und er runzelte die Stirn. Einen Spaltbreit ging sie auf, wurde dann vom Wind erfasst und flog mit einem lauten Knall ganz auf. Sofort war er auf den Beinen. Eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm war hereingekommen und kämpfte nun damit, die Tür wieder zuzuziehen. Sie trug eine Baseballkappe und hatte eine schwere Patchworktasche über der Schulter hängen. Preacher ging hinüber, um die Tür festzuhalten. Die Frau drehte sich um, sah zu ihm hoch, und beide fuhren überrascht zurück. Sie war vermutlich vor Schreck erstarrt, weil Preacher so bedrohlich aussah mit seinen ein Meter fünfundneunzig, der Glatze, den buschigen schwarzen Augenbrauen, einem diamantenen Ohrstecker und Schultern so breit, wie ein Axtstiel lang war.
    Preacher seinerseits sah unter dem Schirm der Baseballkappe das hübsche Gesicht einer jungen Frau mit einem blauen Fleck auf der Wange und einem Riss in der Unterlippe.
    „Es tut … Es tut mir leid. Ich sah das Schild …“
    „Ja, kommen Sie nur herein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass heute Abend noch jemand unterwegs sein würde.“
    „Wollten Sie schließen?“, fragte sie und schob ihre Last ein wenig nach oben. Es war ein kleiner Junge, nicht älter als drei oder vier Jahre, der an ihrer Schulter schlief und die Beine lang und schlaff herunterbaumeln ließ. „Weil ich … Schließen Sie?“
    „Kommen Sie schon“, sagte er und trat einen Schritt zurück, sodass sie an ihm vorbei konnte. „Es ist in Ordnung. Ich hab nichts anderes vor.“ Mit ausgestrecktem Arm wies er auf einen Tisch. „Setzen Sie sich dort ans Feuer. Wärmen Sie sich. Trocknen Sie sich.“
    „Danke“, sagte sie leise und ging zu dem Tisch am Feuer. Als sie den Drink sah, fragte sie ihn: „Ist das Ihr Platz?“
    „Nur zu. Setzen Sie sich ruhig dorthin. Ich wollte nur einen Schluck trinken, bevor ich dichtmache. Aber ich habe keine Eile. Normalerweise schließen wir eh nicht so früh, aber heute, bei dem Regen …“
    „Wollten Sie nach Hause?“, fragte sie.
    Er lächelte ihr zu. „Ich wohne hier. Deshalb bin ich wirklich flexibel mit der Zeit.“
    „Wenn Sie sicher sind …“
    „Ich bin mir sicher“, beruhigte er sie. „Bei gutem Wetter haben wir mindestens bis neun Uhr geöffnet.“
    Also nahm sie auf dem Sitz am Feuer Platz und spreizte die schlaffen Beine des Jungen über ihren Schoss. Die Patchworktasche ließ sie von der Schulter auf den Boden fallen und zog das Kind enger an sich, nahm es fest in die Arme und streichelte seinen Rücken.
    Preacher verschwand nach hinten und gab ihr Zeit, sich einen Moment lang aufzuwärmen. Mit ein paar Kissen von seinem Bett und der Decke von seiner Couch kehrte er dann zurück. Er legte die Kissen auf den Tisch neben sie und sagte: „Hier. Legen Sie das Kind darauf. Der Junge dürfte etwas schwer für Sie sein.“
    Sie sah ihn mit Augen an, die jeden Augenblick überzulaufen drohten. Oh, er hoffte, sie würde es nicht tun. Er hasste es, wenn Frauen weinten, denn er wusste nie, was er dann tun sollte. Jack konnte damit

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