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Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)

Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)

Titel: Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)
Autoren: Horst Evers
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Wer Wahrheit sucht, wird in der Wirklichkeit selten fündig.
    Dennoch fußen aber fast alle meine Geschichten auf tatsächlichen Erlebnissen – die dann noch von mir ein wenig mit Wahrheit ausgeschmückt werden. Der Anteil von Realität und Wahrheit variiert natürlich von Geschichte zu Geschichte. Aber um einen ungefähren Eindruck des üblichen Verhältnisses zu vermitteln, schildere ich jetzt mal das reine Erlebnis, welches zur «Chicorée-Salami-Geschichte» geführt hat, exakt so, wie es tatsächlich passiert ist. Die Realität ohne beschönigende Wahrheit:

    «Hmm, das riecht aber gut!», sagt die schöne Paketpostbotin, als sie mir das Päckchen überreicht. Also genau genommen sagt sie nicht «Hmm», sondern eher «Hä», und auch nicht «Das riecht aber gut!», sondern «Das riecht aber!». Und es ist auch nicht die schöne Paketpostbotin, sondern ein offenkundig angetrunkener, unrasierter Expresspaketzusteller, der von seinem skrupellosen Arbeitgeber auf skandalöse Weise ausgebeutet wird, sich dafür aber bei ihm rächt, indem er abends Dinge isst, die dafür sorgen, dass sich ihm versehentlich zu nahe gekommene Kunden verzweifelt fragen, was dieser Mensch nur gegessen haben kann, dass seinem Atem noch am nächsten Tag eine derart furchteinflößende, betäubende Kraft innewohnt, die dem Inhalt des Pakets nun wirklich in nichts nachsteht. Zudem ist er selbst für einen Expresszusteller eher leger gekleidet. Ob sein Hemd nun eine Art Uniform, ein Pyjamaoberteil oder auch beides ist, bleibt unklar, ist aber für den reinen Akt der Paketzustellung natürlich irrelevant.
    Nachdem er mir also mit den Worten «Hä, das riecht aber!» das Paket übergeben hat, teilt mir der Expresszusteller weiter mit, er sei übrigens der neue Mieter der Gewerberäume im Souterrain, habe heute Morgen für mich dieses Paket angenommen, von der schönen Paketpostbotin, aber weil das ja so rieche, jetzt noch mal geklingelt und sich, da ich durch die Gegensprechanlage geantwortet hätte, entschlossen, es mir einfach hochzubringen.
    Nuschle freundlich: «Das dachte ich mir schon, dass Sie der neue Mieter der Gewerberäume unten sind.»
    Er fragt, ob ich wisse, was in dem Paket da so stinke.
    Ich sage: «Ja, ich weiß, was in dem Paket da so stinkt.»
    Er wartet.
    Ich warte auch. Denke, unglaublich, womit man so alles seine kostbare Lebenszeit verbringt. Frage ihn, was für ein Gewerbe er denn im Souterrain eigentlich ausüben wolle.
    «Na, ein Dschuhs-Hostel.»
    «Ein was?»
    «Ein Dschuhs-Hostel, eine Unterkunft für jugendliche Berlinbesucher aus aller Welt, Dschuhs-Hostel! Noch nie gehört?»
    «Doch, doch, aber so, wie Sie es jetzt ausgesprochen haben, hatte ich für einen Moment gehofft, Sie meinen tatsächlich ein Juice-Hostel, also so was wie eine Saft-Herberge, quasi eine Art Getränkelager. Eben junge Getränke aus aller Welt, die Berlin besuchen.»
    Er schaut beleidigt, wie eine nicht gegessene Salatbeilage auf dem Steakteller. «Nee, ich mein aber ein Dschuhs-Hostel.»
    «Hm, soweit ich den Laden da unten kenne, hat der höchstens zweihundert Quadratmeter. Ist das nicht ein bisschen klein für ein Youth-Hostel?»
    «Ach, wenn man die beiden Kellerräume noch dazunimmt, sind das schon fast zweihundertfünfzig, und wenn man die Kosten gering hält, kann man auch mit nur zweiunddreißig Betten ein durchaus profitables Dschuhs-Hostel führen. Meine Devise ist: Klein, aber fein. Ich setze da mehr auf so einen familiären Charme.»
    Überlege, ob familiärer Charme bedeutet, dass es schon vorher verwandtschaftliche Verhältnisse gibt, also bevor zweiunddreißig Personen auf maximal zweihundertfünfzig Quadratmetern gemeinsam wohnen, oder erst danach. Doch das ist vielleicht auch Privatsache. Frage ihn, ob er sich schon etwas fürs Frühstück in seinem Kellerhostel überlegt hat. Zufällig hätte ich nämlich Zugriff auf eine sehr exklusive fränkische Wurstspezialität.
    «Klingt interessant», antwortet der zukünftige Herbergsvater. «Wie schmeckt die denn so?»
    «Genau so, wie sie riecht!», sage ich und zeige aufs Päckchen. «Ich hab das Gefühl, das könnte genau Ihr Geschmack sein.»
    Und so war es dann auch.

Die Drohung
    Am Morgen liegt eine Leiche vor der Wohnungstür. Denke: Na wunderbar, das haste nu vom frühen Aufstehen. Da meint man, der Frühling steht vor der Tür, und stattdessen liegt da der Tod. Als wenn mich der Frühling nicht ohnehin schon immer irgendwie schwermütig machen würde. Das wird von einer

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