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Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)

Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)

Titel: Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)
Autoren: Horst Evers
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unbestimmte Zeit als amtierender Freund aufzutreten. Dadurch hielt Meike den nachfolgenden Freunden schön den Rücken frei, und die Mutter hatte jemanden, dem sie von Zeit zu Zeit Wurst schicken konnte. Erst als Meike schwanger wurde, erwies sich diese Konstruktion als zu kompliziert, und sie stellte ihren neuen Freund nun doch zu Hause vor.
    Das hinderte Meikes Mutter aber nicht daran, mich weiterhin sehr zu mögen und, noch wichtiger, mir auch weiter Wurstpäckchen zu schicken.
    Die Wurst ist übrigens eine Chicorée-Salami, eine regionale Spezialität, die es praktisch nur noch in der Metzgerei dieses Dorfs bei Kulmbach gibt. Das heißt, eigentlich gibt es die auch dort schon lange nicht mehr, da der Metzger sie normalerweise nicht mehr produziert. «Die schmeckt einfach keinem!», soll er zur Begründung gesagt haben, als er sie aus dem Sortiment nahm. «Du bist der Einzige», so hatte die Mutter mir nicht ohne Stolz berichtet, «der diese Chicorée-Salami über alle Maßen liebt. Weshalb ich ja auch den Metzger immer wieder überrede, ein paar dieser Würste speziell für dich anzufertigen.»
    Daher kommen ungefähr alle halbe Jahre diese seltsam riechenden Päckchen bei mir an. Stets zu knapp frankiert, weil die Mutter der fragwürdigen Logik anhängt, dass sich Postboten bei Päckchen, bei denen Nachporto fällig wird, mehr Mühe mit der Zustellung gäben. Da sie ja noch Geld zu bekommen hätten.
    Mein Versuch, das Wurstpäckchen-Problem unauffällig elegant zu lösen, indem ich einfach die Nachzahlung verweigerte und damit das Päckchen retour gehen ließ, ist vor vielen Jahren recht spektakulär gescheitert.
    Meikes Mutter hat damals direkt meine Eltern angerufen und ihnen mitgeteilt, ich sei vermutlich verstorben. Ihre Wurst sei nämlich zurückgekommen. Hat sich dann im Übrigen beschwert, dies von einer zurückgekommenen Wurst erfahren zu müssen, man hätte ihr auch ruhig mal eine Karte schicken können.
    Nachdem mich daraufhin meine Eltern angerufen hatten und ich sie mit etwas Mühe davon überzeugen konnte, dass ich noch am Leben war, rief ich wiederum bei Meikes Mutter an, um zu fragen, warum sie bei meinen Eltern und nicht direkt bei mir angerufen habe.
    Hierauf meinte sie, die Vorstellung, bei einem Toten anzurufen, habe sie einfach sehr gruselig gefunden, worauf ich einwandte, dass ich ja gar nicht tot sei, was sie aber nur bestärkte: «Ja eben, dass du trotz deines Todes noch lebst, macht die Sache ja noch mal gruseliger.»
    Seit diesem Erlebnis zahle ich einfach das Nachporto und arrangiere mich eben mit der seltsam riechenden Chicorée-Salami.
    Meine heutige Freundin meint, ich solle vielleicht einmal ein offenes Wort mit Meikes Mutter reden. Ihr die Wahrheit sagen: dass ich sie schon mag, aber die Wurst eigentlich gar nicht. Doch das wäre schon rein mathematisch nicht sinnvoll. Ich würde quasi zugeben, sie zwanzig Jahre angelogen zu haben, bekäme also für einen Moment der Wahrheit ungefähr zwanzig Jahre Lüge raus. Das rechnet sich doch nicht. Auch die Mutter hätte nichts von der Wahrheit, im Gegenteil, ich würde ihr nur die Erinnerung an zwanzig gute Jahre mit guter Wurst versauen.
    Also warte ich geduldig, bis meine Tochter irgendwann einen höflichen, schüchternen jungen Freund hat, dem ich dann ein paar Scheiben von dieser Chicorée-Salami aufs Brot quatschen kann. Und sobald er etwas sagt wie: «Ganz gut … eigentlich», ist er dran.
    Nachtrag: Kürzlich fragte mich eine Leserin, ob alle meine Geschichten eigentlich so richtig wahr wären. Also, ob die genau so passiert seien oder ob ich mir nicht doch vieles einfach ausgedacht hätte. Beziehungsweise, da es ja vermutlich eine Mischung wäre, wie groß denn so durchschnittlich der Anteil von Wahrheit und der Anteil von Fiktion in meinen Geschichten jeweils sei. Da ich das recht häufig gefragt werde, möchte ich hier einmal die Gelegenheit nutzen und ein für alle Mal erklären: Alle meine Geschichten sind komplett wahr, zu einhundert Prozent, Wort für Wort.
    Aber, diese Einschränkung gestehe ich zu, sie sind nicht ganz genau so passiert. Leider. Oder auch Gott sei Dank.
    Das Problem ist, bei allem, mit dem man so den Tag über konfrontiert wird, erlebt man doch nur selten wirkliche Wahrheit. Meistens, das kennt jeder, passiert nur Zeug. Eigenartiger, skurriler, oft nerviger Kram. Überflüssiges, tagesaktuelles, bedeutungssimulierendes Realitätsgehupe. Die Wahrheit muss man sich da schon selbst dazudenken. Oder kurz gesagt:

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