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Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau. Roman

Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau. Roman

Titel: Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau. Roman
Autoren: Max Scharnigg
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Spektakuläre Ereignisse und einiges über uns
    Die zwei Regeln meines Vaters. Führe ein Tagebuch. Sorge dich um die Hofstange. Die erste echte Erinnerung: Wie er an meinem sechsten Geburtstag ein schwarzes Büchlein auf den Tisch neben meinem Bett legt, bevor er den Hocker nimmt, um mir die Gutenmorgengeschichte zu erzählen.
    Niemand bei uns, so hatte mein Vater entschieden, sollte jemals von einem Wecker geweckt werden. Stattdessen ging er jeden Morgen durchs Haus, ließ dabei die Holzdielen in Vorfreude knacken und erzählte in jedem Zimmer eine Gutenmorgengeschichte, erst der Lene-Mama, wenn sie da war, dann mir, und später bekam Lada ihre eigene. Dem Erzählen ging nichts voraus, keine Begrüßung, nur an diesem Geburtstag, an dem meine Erinnerung einsetzt, sagte er davor etwas wie: »Mein lieber Jasper Honigbrod, du bist jetzt sechs Jahre alt. Wie jeder große Mann der Geschichte wirst du von nun an natürlich ein Tagebuch führen.« Dazu sah er mich mit dem fordernden Stolz an, mit dem er das Inventar der ganzen Welt zu mustern pflegte. Seine Sommeraugen. Sein Mund, der nicht lachte, aber jederzeit kurz davor zu sein schien.
    Ich nahm das Buch zu mir unter die Decke und drehte mich zur Wand, weil einem auf immer gehört, was man unter der eigenen warmen Decke hat, und weil mich der feierliche Ton meines Vaters genierte. Sein Blick auf mir, so prüfend, wie man es als Kind nicht gewohnt ist.
    Dann begab er sich in seine bevorzugte Erzählposition, in der er mit halb geschlossenen Augen aus dem Fenster über meinem Kopf sah, und setzte meine Gutenmorgengeschichte an der Stelle fort, wo er sie gestern beschlossen hatte. Es war ein endloses Fortsetzungsabenteuer, in dem es Wünsch-Eimer gab und in dem die Menschen in Elefantenhäusern wohnten. Die Geschichte hatte schon damals ein unübersichtlich großes Personenregister. Mein Vater achtete über die Jahre darauf, dass keine der Figuren verlorenging, und ließ sie stets wieder auftauchen, wenn ich sie gerade vergessen hatte. Dann dichtete er ihnen eine Ausrede für das lange Verschwinden an, und es kam zu den schönsten Wiedersehen, die ich sogar beklatschen durfte, auch wenn er sonst während der Gutenmorgengeschichte Ruhe erwartete. Oft geschah es, dass ich den Beginn seiner Geschichte noch verschlief, und je wacher ich wurde, umso dringender erfahren wollte, ob ich in den ersten Minuten etwas verpasst hatte, was er durch geschickte Rückgriffe auch möglich machte. Wenn ich allerdings, das kam selten vor, mitten in der Geschichte abermals einschlief, erzählte er weiter und dachte nicht daran, die Fehlstellen zu erläutern. Deswegen gewöhnte ich mir an, so schnell wie möglich wach zu werden, und entwickelte darin über die Jahre eine Übung, die mich heute schon beim ersten Wimpernschlag Herr aller Sinne sein lässt. Was soll ich sagen, es gibt unpraktischere Gewohnheiten.
    Meine Gutenmorgengeschichte hatte keinen Namen, sie drehte sich um eine Familie, die unserer Familie in Ansätzen ähnelte, auch wenn die handelnden Personen Titel trugen wie Großwesir oder Reiseritter Robert, wobei mein Vater sich den Großwesir als seinen Charakter ausgesucht hatte und der Reiseritter Robert wohl mir zugeschrieben war, denn diese Figur pflegte für gewöhnlich in einem dottergelben Schlafanzug zu verreisen, wie auch ich lange Zeit einen besaß. Was bei uns auf dem Hof geschah, fand sich in einigem Abstand in der Geschichte wieder, wenn auch meistens auf eine Art, als würde man die Ereignisse durch einen trüben Kristall betrachten, unscharf und funkelnd, sodass ich als Kind die Zusammenhänge nie auf Anhieb herstellen und sie erst eine Weile später Stück für Stück zusammensetzen konnte.
    Ich erinnere mich, dass mein Vater an jenem Geburtstag, an dem ich mein erstes Tagebuch bekam, noch einen Bart trug, der aussah, als wäre er jahrelang zur See gefahren, und ich erinnere mich, dass der Bart später an diesem Tag kahle Stellen bekommen sollte, die nie wieder zuwachsen würden.
    Mehr Geschenke erhielt ich damals nicht, und ich verlangte auch nicht danach, das gehörte zu den Dingen, die es bei uns in Pildau nicht gab, wie manch anderes auch, was ich erst viel später und oft aus den Kindheitserinnerungen anderer erfuhr. Für diesen Morgen war ich zufrieden wie ein kleiner König. Das schwarze, linierte Buch unter der Decke war wertvoll genug, auch wenn nichts darin stand und ich noch nicht schreiben konnte, ich konnte bis jetzt nur Automarken buchstabieren. Diese

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