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V8 – Komm, wenn du dich traust!

V8 – Komm, wenn du dich traust!

Titel: V8 – Komm, wenn du dich traust!
Autoren: Joachim Masannek
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01
Am Rand des Rosengartens
    So grell wie die Flamme eines Schweißbrenners, erhob sich die Sonne hinter den Bergen im Osten und verwandelte den Fluss mit ihren Strahlen in eine Straße aus funkelndem Gold. Tausend kleine Wellen glitzerten, als wären Sterne vom Himmel gefallen, und schnitten die noch schlafende Stadt in zwei ungleiche Hälften: den feinen und wohlhabenden, behüteten Norden und den gefährlichen Süden, den man im Norden, in Davids Welt, nur die verbotene Zone nannte.
    Die verbotene Zone . Denn dort ging man nicht hin. Dort ging man nicht hin, weil man es nicht überlebte. So hieß es auf jeden Fall in den prächtigen Villen auf dem nördlichsten Hügel und so erzählte man es sich auch im Rosengarten. In der friedlichen Einfamilienhaussiedlung zu ihren Füßen am Fluss.
    Doch dieser Rosengarten war zu friedlich für David. Für David Michele, der heute am ersten Tag seiner Sommerferien fast schon elf Jahre alt war. Und er war auch zu friedlich für ihr kleines Haus.
    Ja, das Haus seiner Eltern war einfach anders. Anders als alle anderen Häuser hier. Es war nicht nur anders. Es war besonders. Besonders und einzigartig und absolut wild. Denn weil es so klein war, befand sich das Zimmer von David in einem Anbau, der besser als jedes Baumhaus war. Er wuchs aus dem Dach über die Regenrinnen hinaus und stützte sich dort auf drei mächtige Stelzen.
    David liebte sein Zimmer. Er hatte es mit seinen Eltern erdacht undgebaut und ihn störte nur eins: dass er es teilen musste. Teilen mit Luca, seiner gerade einmal neunjährigen Schwester. Und die war nicht nur verrückt. Nein, die war richtig durchgeknallt. Spleenig. Meschugge. Das heißt: Sie war einfach die Pest.
    Doch noch schlief die Pest. So wie der Rosengarten schlief. Während die Südstadt mit ihren Fabriken und Schornsteinen längst aufgewacht war. Während die Menschen, die dort lebten, seit Stunden arbeiteten, war es auf der Nordseite noch absolut still.
    Ja, absolut still. Bis auf ein leises Geräusch im Inneren des Baumhauses. Das Geräusch eines Jungen, der nur eines wollte: Rennfahrer sein. Der schnellste und beste Fahrer der Welt. Teuflisch verdrehte Haarnadelkurve! David träumte schon wieder mit offenen Augen, und aus seinem Mund ertönte ein Röhren, das einen Formel-1-Boliden mit Stolz erfüllt hätte. Noch fauchte er leise, während sein Blick durch das Baumhaus glitt.
    Er sah Lucas Welt. Die Welt von Diamond Dachsmann, dem Superdachsmann von Drachenherz. Über den hatte ihr ihr Vater mehr als tausendundeine Geschichte erzählt und den lebte sie jetzt. Sie trug seine Mütze aus schwarz-weißem Fell. Selbst wenn sie schlief, trug sie den pelzigen Helm. Die Kettenhemduniform hatte sie samt Unterwäsche mit ihrer Mutter genäht. Die Buhmies, die Bumerangs Bäng, Buhm und Bäng, hatte ihr Vater für sie aus Treibholz geschnitzt und die hingen zusammen mit der Herz-von-Drachenherz-Kette an den Super-Elektromagnet-Heldenstiefeln über dem Bett.
    Davids Blick schweifte über die knallrote Grenzlinie, die die Dachsmannwelt von seiner Welt trennte. So wie der Fluss den Norden vordem Süden beschützt, beschützte sie seine Welt vor seiner Schwester: die Welt eines zukünftigen Profirennfahrers, die Luca niemals betreten durfte. Nein, nie und nimmer durfte sie das, denn sie würde alles zerstören. Alles, was David etwas bedeutete und dieses „Alles“ hing über ihm an der Wand: das Kart auf dem Poster.

    Beim qualmenden Goodyearslick! Ein richtiges Rennkart. Das würde sich David in sechs Wochen kaufen. Am Ende der Ferien. Und jetzt raste er in seiner Vorstellung über die Bahn, die Kartbahn der Stadt: den Path of Glory. Der hing über ihm an der Baumhausdecke. Er hatte ihn detailgetreu nachgebaut. Jede Schikane und Kurve, die es dort gab. Und er kannte sie auswendig.
    David schoss gerade in die Schneckenhauskurve und die hatte es in sich. Kurz vor der Geraden flog man schnell aus der Bahn. DochDavid war gut. Er fuhr ein erbarmungsloses Rennen gegen die Zeit. Er schaute zur Rennfahrerwanduhr neben der Kartbahn. Das blaue Kart auf dem Sekundenzeiger jagte das rote des Minutenanzeigers. Das Getriebe schrie auf. Der Motor heulte und jaulte. Die Hinterreifen begannen zu rutschen. Sie verloren den Grip. Das spürte sein Hintern. Sein Rennfahrerhintern. Oh Mann, war das knapp! Doch als das blaue Kart das rote kurz vor der Ziellinie überholte, als es endlich sechs Uhr war, hatte David es wieder geschafft. Er war Bestzeit gefahren:

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