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Unter Tage

Unter Tage

Titel: Unter Tage
Autoren: Thomas Ziegler
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Er steht hinter dir.
    Immer ist er da.
    Immer unsichtbar.
     
    Dies ist der Tag der Tage, dachte Shreiber, als er erwachte und das graue Morgenlicht sah, das durch das Fenster fiel, farblose Photonenmatsche, klebrig wie der Chemikalienhimmel, passend zu dieser Stunde, und das war natürlich kein Zufall.
    Weiß Gott nicht! sagte sich Shreiber entsetzt.
    So blieb er noch eine Weile liegen, benommen horchend, auf andere Zeichen achtend, verräterische Hinweise, die er zu lesen verstanden hatte.
    Nichts.
    Klar. Nicht hier.
    Der Summton des über der Tür angebrachten Chrons erfüllte das kleine, dämmrige Schlafzimmer mit zittriger Unruhe, und dann sagte es: »Sechs-dreißig, Bürger. Ein glücklicher Tag.«
    Shreiber lächelte listig. Vermutlich stimmte die Durchsage, aber trotzdem gab es noch die Möglichkeit, daß … Nun, er konnte es sich nicht leisten, nachlässig zu werden und Fehler zu machen. Vor allem heute nicht. Auf keinen Fall. Vorsichtig griff er unter das blaugemusterte, flache Kissen und tastete nach dem Glas und dem Metall der altmodischen Uhr und versuchte, im Zwielicht des Schlafzimmers die Stellung der Zeiger zu entschlüsseln.
    Tatsächlich. Dreißig Minuten nach sechs.
    Er hatte es also nicht gewagt. Aber er würde es tun. Sicher. Irgendwann würde er es tun. Es lag nahe. Wenn Shreiber sich in seine Lage versetzte, so bot sich das Chron in geradezu idealer Weise an. Es durfte ihm gewiß nicht schwerfallen, den automatischen Weckton oder die Elektronik der Zeitansage zu beeinflussen.
    Schließlich standen ihm Mittel und Wege zur Verfügung, die nicht von dieser Welt waren.
    Das Chron summte.
    Es hatte recht. Es wurde Zeit.
    Shreiber schlug die Decke beiseite und erhob sich und schlich mit der ihm eigenen Lautlosigkeit ins Bad, das unmittelbar an das Schlafzimmer angrenzte. Argwöhnisch schielte er in den grünen, kunststoffgekachelten Raum und blinzelte in der klinischen Helligkeit der Deckenleuchte.
    Leer? Ja, in der Tat. Doch dies war noch lange kein Beweis. Shreiber preßte die Lippen zusammen. Schließlich erwartete ihn der Spiegel, diese glatte, platte reflektierende Fläche … Der Spiegel konnte ihm nichts anhaben, nicht direkt, aber immerhin, es war nicht angenehm. Obwohl man sich mit der Zeit irgendwie daran gewöhnte. Man gewöhnte sich an alles.
    Shreiber gab sich einen Ruck und trat vor das blitzende Viereck, hob den Kopf, die Lider. Der Spiegel war leer. Er zeigte die grünen Kacheln, gewiß, aber nicht Shreibers Gesicht. Kein Grund, um Angst zu bekommen. Dies war nur der Eröffnungszug. Vertraut wie das Summen des Chrons. Dennoch fröstelte Shreiber und wusch sich mit nervöser Hast, trocknete sich mit dem Papierhandtuch ab und massierte Enthaarungscreme in den Bartansatz. Die Stoppeln wurden weiß und lösten sich von der Haut. Er wischte sie fort.
    Noch immer weigerte sich der Spiegel, seine Gegenwart anzuerkennen. Shreiber schüttelte sich. Nur ruhig, dachte er. Schließlich hatte er gelernt, über diese Dinge hinwegzusehen, weil sie ihn nicht direkt bedrohten, sondern nur die Aufgabe hatten, seine Nerven zu zermürben. Er durfte sich keine Blöße geben. Immerhin wurde er beobachtet, und man wartete nur auf ein Zeichen der Schwäche, auf ein Indiz dafür, daß er resignierte und sein Widerstand nachließ.
    »Sechs-fünfundvierzig«, sagte das Chron. »Seid wachsam, Bürger. In der Hynnekken-Allee hat man während der Nacht wieder Hetzschmierereien angebracht. Also, haltet die Augen offen!«
    Musik erklang.
    Shreiber trat ans Schlafzimmerfenster und blickte hinaus. Und wie an jedem dieser bleichen Morgen schwindelte ihm. Der Himmel war wolkenbedeckt und schien sich unablässig zu bewegen; ein graues Meer, das schwappte und rollte und von zimtbraunen Schlieren verschmutzt war. Der Smog driftete jetzt westwärts, hinüber zur City, an den Berghängen vorbei. Die Schornsteine, Kühltürme und Silos des östlichen Industriegebietes ähnelten mißgestalteten, verdreckten Fingern, zwischen denen die Fabrikhallen und Verwaltungsgebäude wie Geschwulste wucherten. Über allem lag Morgennebel.
    Shreiber unterdrückte einen Fluch.
    Dies war ein guter Tag für ihn. Diesig und trüb, der Himmel eine schmutzige, blinde Lache. Undurchschaubar. Ein gutes Versteck. Tatsächlich.
    Shreiber wich zurück und zog sich langsam und methodisch an. Er war gewarnt. Man unterschätzte ihn, oder man würde es nicht wagen, so dreist und offen aufzutreten. Die Drohung war unverkennbar, und dennoch war Shreiber

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