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Tybee Island

Tybee Island

Titel: Tybee Island
Autoren: Susan Clarks
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    Craig O’Neill griff nach dem Handtuch, das neben dem Waschbecken hing, und trocknete sich das Gesicht. Lange musterte er sein Spiegelbild, starrte in die Augen seines Gegenübers und fragte sich, wer dieser Mann eigentlich war. Noch vor wenigen Monaten wären ihm solche trüben Gedanken nie in den Sinn gekommen. Er hätte gewusst, wer er war und was er war. Er hätte sein Ziel gekannt. Das unmittelbar vor ihm und auch jenes in weiter Ferne. Nun blickte er in die rauchgrauen Augen und wusste nicht, was er von dessen Besitzer halten sollte.
    Seufzend warf er das Handtuch beiseite. Er hätte nicht auf diese Party gehen sollen. Was hatte ihn nur dazu getrieben, hier aufzutauchen? Zehn Minuten hatte er es da draußen in der Menge ausgehalten, ehe er sich entschuldigt e und ins Badezimmer verschwand. Als ihm heute Nachmittag Eric über den Weg gelaufen war, hielt er dessen Einladung für eine gute Idee. Er hatte geglaubt, die Gesellschaft anderer würde ihn ablenken. Von seinen Dämonen. Von dem Grund, warum er nach Tybee Island zurückgekehrt war .
    Er atmete tief durch und fasste nach dem Türknauf, als er aus dem angrenzenden Schlafzimmer Gekichere hörte. Es rumpelte, etwas fiel zu Boden und zerbrach.
    »Pass doch auf«, sagte eine Frau und gluckste. »Vielleicht war das eine sündteure Mingvase.«
    »Ganz sicher«, erwiderte eine Männerstimme und lachte ebenfalls.
    Er hörte Geräusche, die darauf schließen ließen, dass sich die beiden gegenseitig abknutschten und begrapschten. Craig seufzte und ließ seinen Kopf gegen die Tür fallen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Warum hatte er nicht einfach darauf gewartet, dass das WC am Gang wieder frei wurde? Aber nein, stattdessen musste er sich hier verkrümeln.
    »Moment«, sagte die Frau. »Mir geht’s nicht gut.«
    Er verdrehte die Augen. So, wie sie lallte, war sie vermutlich sturzbetrunken.
    »Nun hab dich nicht so.« Der Mann klang nicht ganz so besoffen. »Wir sind doch nicht zum Händchenhalten raufgekommen.«
    Einer von der ganz charmanten Sorte. Craig schüttelte den Kopf. Wenn die zwei nicht in der nächsten Minute verschwinden würden, würde er einfach durch das Zimmer rausspazieren. Je länger er wartete, desto peinlicher würde es werden.
    »Lass mich.« Die Frau war wohl zurückgewichen, denn wieder rumpelte es.
    »Was soll das?«, fragte der Kerl in einem Tonfall, der Craig aufhorchen ließ. »Mich erst heißmachen und dann einen Rückzieher machen, oder wie?«
    »Ich hab gesagt, mir geht’s nicht gut … Verdammt, du tust mir weh.« Die Frau schrie auf.
    Ohne zu überlegen, riss Craig die Tür auf und trat in den Raum. Das fahle Mondlicht schien durch das Fenster und ließ nur Konturen erahnen. »Lass sie los«, sagte er mit ruhiger Stimme. Er konnte Typen, die sich Frauen aufdrängten, nicht leiden, aber vor allem ging es ihm momentan gegen den Strich, dass er gezwungen war, einzugreifen. Warum war er nicht zu Hause geblieben?
    Der Kerl drehte sich zu ihm um. Ohne ihn genau zu erkennen, hätte Craig ihn auf Mitte zwanzig geschätzt. Vermutlich ein Student in den Sommerferien, der sich ein bisschen amüsieren wollte. Langsam schritt Craig auf ihn zu. Die Frau stand außerhalb seiner Sichtweite und war für ihn nur ein Schatten im Hintergrund. Der Kerl hielt sie noch am Arm fest.
    »Ich sagte: Lass sie los.«
    »Verpiss dich, Mann.« Aus zusammengekniffenen Augen musterte ihn der Kerl. »Das hier geht dich nichts an.«
    »Mir ist schlecht.« Die Frau riss sich los und verschwand ins Badezimmer.
    Grinsend sah Craig ihr nach. Hoffentlich kotzte sie sich die Seele aus dem Leib, wenn sie schon so dämlich war, mit diesem Typen auf ein Zimmer zu verschwinden. Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu. »Schätze, der Abend ist gelaufen.«
    Ein weiteres Mal ließ der junge Mann seinen Blick über ihn schweifen, kam aber wohl zu dem Entschluss, dass er sich nicht weiter mit ihm anlegen wollte. Er winkte ab. »Behalt sie doch.«
    Kopfschüttelnd beobachtete Craig, wie er das Zimmer verließ. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Badezimmertür. Die Kleine kotzte sich tatsächlich die Seele aus dem Leib. Craig seufzte. Er hatte keine Lust, einer Wildfremden die Haare zu halten, während sie den letzten Tropfen Alkohol aus dem Magen in die Kloschüssel spuckte. Trotzdem trat er näher.
    Die Klospülung wurde betätigt. Als er die Tür vorsichtig aufschob, hing sie über dem Waschbecken und spülte sich

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