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Turm der Lügen

Turm der Lügen

Titel: Turm der Lügen
Autoren: Marie Cristen
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Prolog
    Burg von Dourdan, 11 . November 1297
    D ie Abstände zwischen den Wehen wurden kürzer. Jeder Erschütterung des Reisewagens folgte ein Stoß des Kindes. Mahaut knirschte mit den Zähnen. Wenn der Schmerz nachließ, folterte sie der Durst. Sie wagte nicht, um eine Rast zu bitten. Die Zeit drängte. Das Tageslicht schwand bereits, Regen und Sturm taten ein Übriges.
    In ihrer Erinnerung lag die Burg viel näher. Würde sie dieses Kind im Straßengraben gebären müssen? War ihr Plan zum Scheitern verurteilt, noch ehe sie Dourdan überhaupt erreichte?
    »Öffnet das Tor für Madame Mahaut, die Pfalzgräfin von Burgund! Sie erbittet Gastfreundschaft und Quartier für die Nacht.«
    Endlich. Auf Hugec von Flavy war Verlass. Er hatte ihr versprochen, dass er sie beizeiten nach Dourdan bringen würde, und er hielt sein Wort. Die Antwort auf seinen Ruf ging im Toben des Unwetters unter, aber die Räder setzten sich wieder in Bewegung. Sie knirschten über die Bohlen einer Zugbrücke, rollten unter die Wölbung des Torhauses. Der Wind und das Prasseln des Regens brachen jäh ab.
    Sie waren am Ziel.
    »Gott steh uns bei …«
    Die Worte endeten mit einem Jammerlaut. Mahaut runzelte die Stirn. Erst jetzt wurde ihr wieder bewusst, dass sie nicht allein im Wagen saß. Neben ihrer engsten Vertrauten Odette kauerte, in zwei Umhänge gehüllt, Lise in der gegenüberliegenden Ecke. Am Ende ihrer Kräfte, hätschelte die Kammerfrau dennoch das Bündel, das sie unter diesen Umhängen an ihre Brust presste. Es ging ihr offensichtlich schlechter als Mahaut.
    »Still!«, befahl sie ihr kurzatmig, da sie alle Kraft aufbieten musste, nicht ebenfalls zu stöhnen. »Wir sind da. Reiß dich zusammen. Loup wird dir sofort helfen.«
    Mahaut verabscheute nutzloses Lamentieren. Es galt, dem Plan besonnen und genau zu folgen. Dieses Mal wollte sie kein Risiko eingehen. Dieses Mal hatte sie an alles gedacht. Vorgesorgt.
    Sie tauschte einen Blick mit Odette, während Hugec dem Burghauptmann ihre späte Ankunft erklärte.
    »Das vermaledeite Wetter hat unsere Reise immer wieder verzögert. Wir hofften, Paris heute zu erreichen, aber der Zustand der Straßen macht es unmöglich …«
    Er öffnete die Tür des Wagens und half Mahaut mit eigener Hand heraus. Sein Auftreten machte dem Burghauptmann, der die Festung von Dourdan für den König von Frankreich befehligte, wortlos klar, dass er es bei ihm mit einem Seigneur aus edelstem Blut zu tun hatte. Mahauts Titel und der Rang ihres Gemahls als Pair von Frankreich verunsicherten ihn zusätzlich.
    Ganz darauf konzentriert, seinem hohen Gast Reverenz zu erweisen, entging ihm, dass dieser sich Halt suchend nachdrücklicher auf Hugecs Arm stützte, als es nach einem Reisetag für eine Edeldame ihres Alters nötig gewesen wäre.
    Ihre Gewänder, und nicht zuletzt der pelzgefütterte Reiseumhang, verbargen beim Aussteigen die Umrisse ihrer Figur. Die Fackeln neben dem Eingang zum Haupthaus flackerten im Wind und spendeten kaum Licht. Sie dankte dem Burghauptmann für seine Freundlichkeit, lehnte es aber ab, mit ihm zu speisen. Sie musste ihm keine Erschöpfung vorspielen, sie war am Ende ihrer sonst so grenzenlosen Energie. Nur eiserne Selbstbeherrschung hielt sie aufrecht. Von Odette gestützt, erreichte sie schließlich ihr Gemach.
    Erleichert klammerte sie sich an einen der Bettpfosten des großen Alkovens, in dem König Philippe von Frankreich schlief, wenn er in den Wäldern von Dourdan auf die Jagd ging.
    »Himmel, ich dachte, er hört nicht mehr zu reden auf«, ächzte sie. »Lös mir das Gewand, Odette. Ich bitte dich. Mein Rücken bricht auseinander …«
    »Gleich wird es leichter, meine Kleine.« Odette verfiel in den vertrauten Singsang, der Mahaut schon als Kind getröstet hatte. »Alles wird gut.«
    »Alles
muss
gut werden.« Einer von Mahauts Fingernägeln brach. Die Schnitzerei aus Lindenholz widerstand ihrem Griff. »Ich darf mir keinen dritten Fehler erlauben.«
    Vorsicht und Furcht zwangen sie, jede Einzelheit noch einmal zu prüfen. »Was hast du den Mägden gesagt?«
    »Dass wir heißes Wasser benötigen, damit sich meine Herrin waschen kann. Dass sie nicht gestört werden will und allein meiner Dienste bedarf.«
    »Gut. Wir können keine Zeugen gebrauchen. Wo ist Lise?«
    »Der Bogenschütze weicht nicht von ihrer Seite. Er ist außer sich vor Sorge um sie. Das Fieber steigt unaufhaltsam.«
    Mahaut schwankte. Sie war stolz auf ihre Fähigkeit, folgerichtig zu denken.

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