Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Traumfänger

Traumfänger

Titel: Traumfänger
Autoren: Marlo Morgan
Ads
länger ich hier stand und mir überlegte, was ich machen sollte, desto weiter entfernten sie sich aus meinem Blickfeld. Meine Worte von damals haben sich mir so genau eingeprägt wie das Muster in einer wunderschön polierten Holzintarsie: »Okay, Gott. Ich weiß ja, daß Du einen etwas eigenartigen Sinn für Humor hast, aber diesmal verstehe ich ihn wirklich nicht.« Mit einer Mischung aus Furcht, Verwunderung, Unverständnis und völliger Gefühllosigkeit folgte ich dem Aborigine-Stamm, einer Gruppe von Menschen, die sich selbst die »Wahren Menschen« nannten. Ich war zwar nicht gefesselt und geknebelt, aber ich fühlte mich wie eine Gefangene. Mir war, als hätte man mich gezwungen, einen Marsch in die Ungewißheit anzutreten.

3 •   Natürliches Schuhwerk
    Ich war noch nicht weit gelaufen, da spürte ich einen stechenden Schmerz in meinen Füßen. Als ich zu ihnen hinunterblickte, sah ich überall Stacheln in meiner Haut stecken. Ich zog die Dornen heraus, aber erkannte bald, daß ich mir mit jedem Schritt neue eintrat. Ich versuchte, auf einem Fuß vorwärts zu hüpfen und gleichzeitig die schmerzenden Stacheln aus dem anderen zu ziehen. Den anderen, die sich nach mir umdrehten, muß ich einen komischen Anblick geboten haben. Das Lächeln in ihren Gesichtern hatte sich in ein breites Grinsen verwandelt. Ooota war stehengeblieben, um auf mich zu warten. In seinen Zügen war nun Mitgefühl zu lesen, und er riet mir: »Vergiß den Schmerz.- Entferne die Dornen, wenn wir unser Nachtlager aufschlagen. Lerne den Schmerz zu ertragen.  Richte deine Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Wir werden deine Füße später versorgen. Im Moment kannst du nichts tun.«
    »Richte deine Aufmerksamkeit auf etwas anderes« - damit konnte ich etwas anfangen. Ich hatte mit Hunderten von Schmerzpatienten gearbeitet, besonders in den letzten fünfzehn Jahren, seit ich mich als Ärztin auf Akupunktur spezialisiert hatte. In kritischen Situationen muß man oft zwischen einem Medikament, das betäubt, und der Anwendung von Akupunktur entscheiden. Bei meinen Patienten hatte ich genau die gleichen Worte verwendet. Von ihnen hatte ich erwartet, daß sie dazu imstande waren, und jetzt erwartete es jemand von mir. Es war zwar leichter gesagt als getan, aber ich schaffte es.
    Einige Zeit später hielten wir zu einer kurzen Rast an, und ich entdeckte, daß die Spitzen der meisten Stacheln abgebrochen waren. Die Schnitte bluteten, und die Splitter waren unter meine Haut gedrungen. Wir liefen über Spinifex-Gestrüpp. Die Botaniker ordnen es den Strandgräsern zu. Es klammert sich im Sand fest und überlebt selbst bei wenig Wasser, indem es zusammengerollte, messerscharfe Halme bildet.
    Die Bezeichnung Gras ist irreführend. Mit Rasen konnte ich dieses Zeug nicht in Verbindung bringen. Nicht nur die Halme des Spinifex sind messerscharf, auch die Stacheln daran gleichen denen von Kakteen.
    Dort, wo sie in meine Haut eindrangen, hinterließen sie schmerzende rote Schwellungen. Zum Glück bin ich ein Mensch, der sich viel an der frischen Luft bewegt. Ich bin immer leicht gebräunt und laufe auch oft barfuß, aber für die Mißhandlung, die vor ihnen lag, waren meine Fußsohlen wirklich nicht vorbereitet.
    Der Schmerz hielt an, und Blut in allen Farbtönen von Hellrot bis Dunkelbraun erschien auf meinen Füßen - da half es auch nicht, daß ich versuchte, meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. Als ich hinabblickte, konnte ich die aufgeplatzten Reste des Nagellacks auf meinen Zehen nicht mehr von dem Blut unterscheiden. Doch irgendwann wurden meine Füße taub.
    Während unserer Wanderung herrschte absolutes Schweigen. Mir kam es sehr seltsam vor, daß niemand auch nur ein Wort sagte. Der Sand war warm, aber nicht mörderisch heiß. Die Sonne brannte auf uns herunter, aber die Temperaturen waren noch erträglich. Von Zeit zu Zeit schien die Welt ein Einsehen mit mir zu haben und schickte eine kurze kühle Brise Luft.
    Wenn ich an der Gruppe vorbei nach vorn blickte, konnte ich keine deutliche Linie zwischen Himmel und Erde mehr ausmachen. Der gleiche Eindruck wiederholte sich, wohin ich auch schaute: Wie in einem Aquarell verschmolz der Himmel übergangslos mit dem Sand. Mein naturwissenschaftlich geschulter Verstand wünschte sich, der Leere mit einem Kompaß beikommen zu können. Eine Wolkenformation, die Tausende von Metern hoch am Himmel stand, ließ einen einsamen Baum am Horizont wie ein kleines »i« aussehen. Alles, was ich

Weitere Kostenlose Bücher

Der dreizehnte Apostel
Der dreizehnte Apostel von Wilton Barnhardt
0331 - Urwelt-Horror
0331 - Urwelt-Horror von Werner Kurt Giesa