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Totenseelen

Totenseelen

Titel: Totenseelen
Autoren: Birgit Lautenbach
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1
    Polizeiobermeister Pieplow genoss die kalte, klare Luft und den leichten Salzgeschmack auf der Zunge. Wie ein Kurgast, dem Luftbäder verordnet waren, atmete er tief und gleichmäßig, damit die Verspannungen in den Schultern sich lösten und der Schmerz im Kopf abebbte.
    Sein Blick ging langsam über das scheckige, spröde Gras zwischen Deich und Wasserkante, das in diesem Sommer viel Sonne und so wenig Regen bekommen hatte, dass es jetzt die gleiche erdige Farbe wie die Netze hatte, die bis an die Mole hinunter zum Trocknen ausgebreitet lagen. Nur bei den Reusen, den Fässern und den Stapeln der Fischkisten gab es Grün in allen Schattierungen von giftig grell bis satt grasgrün.
    Ein böiger Westwind schob Wolken zu dunklen Gebirgen zusammen, türmte sie drohend immer höher und ließ sie wieder zusammenstürzen, fasste nach und fetzte Löcher ins Grau, durch die so plötzlich Sonnenstrahlen auf das Wasser schossen, dass Pieplow vor dem hellen Glitzern blinzelnd die Augen verschloss.
    Drüben am Außenpier schob die Vitte sich an ihren Platz. Ihre Maschinen legten ein dunkles Dröhnen über das Gnittern und Gnaastern in den Takelagen der Segler.
    Pieplows Blick wanderte an der Kaimauer entlang, an den Kuttern vorbei, von denen die Reusenfahnen aufragten wie beflaggte Riesenmikados. Rot für die Schleppnetze, schwarz für die Aalkorbketten. Vor dem Schuppen der Seenotrettung lag klein und gedrungen die Nausikaa , jederzeit startklar und stark genug, um sich auch in rauer See zu behaupten.
    Seit dreizehn Jahren war Daniel Pieplow Polizist auf Hiddensee und kannte jeden Winkel der Insel. Hochland und Steilküste, die sich schroff und trotzig der Brandung entgegenstemmte und mit jedem Sturm ihr Gesicht veränderte. Den sanften Süden, dessen Sandbänke den Bodden warm und flach machten. Über den im Herbst die Hirsche vom Darß herüberkamen. Aber obwohl es zwischen Enddorn und Gellen schönere Plätze gab, war Pieplow gern im Vitter Hafen, wo es nach Schiffsdiesel und Arbeit roch, wo der Fang an Land gebracht und Fische verkauft wurden. Um alles dafür Notwendige unterzustellen, reichten vier grob verputzte Wände und ein halbwegs solides Dach. Also ließen die Vitter ihre Schuppen ungestrichen und zerborstene Scheiben so lange in den alten Eisenrahmen, bis sie herausbrachen und durch ein festes Stück Pappe ersetzt wurden.
    Was anderen ein Dorn im Auge war, gefiel Pieplow. Es gab überall an der Küste schon genug Häfen, die mit ordentlich aufgereihten Sitzbänken und Pflanzkübeln aussahen wie gepflegte Busbahnhöfe. Hier fiel es leichter, ans Meer zu denken. An Arbeit, die den Kopf klar und den Körper müde macht. An das Gefühl von Freiheit, das aufkommt, sobald ein Schiff die offene See erreicht.
    Mit einem Seufzer wandte er sich um.
    Von wegen Freiheit und klarer Kopf, dachte er. Zurück in die Dienststelle. Erledigen, was noch auf dem Schreibtisch wartet, und einfach nicht hinhören, wenn Kästner stänkert, weil er sich selbst auf die Nerven geht.
    »Moin, Pieplow!«, hörte er hinter sich, als er schon Richtung Deich auf dem Weg war. »Nix zu tun?«, rief einer der Schiffer von den Kuttern herüber. Polizisten für überflüssige Nichtstuer zu halten, war alte Hiddenseer Tradition. Was zu regeln war, nahm man selbst in die Hand.
    »So viel wie du allemal!«, gab Pieplow zurück und nahm das Gefrotzel nicht krumm. Denn eigentlich waren sie gut auf ihn zu sprechen, seit er Maries Kind zurückgebracht hatte. Auch wenn er überzeugt war, dass er dabei mehr Glück als Verstand gehabt hatte – die Hiddenseer waren ausnahmsweise mal einer Meinung: Die Kleine verdankte dem Dorfsheriff ihr Leben. Dafür, fanden sie, verdiente er Respekt.
    Ob der Alte auf der Bank am Deich das genauso sah, wusste Pieplow nicht. Im Vorbeigehen hob er die Hand an den Mützenschirm, um den alten Kapitän Brahm zu grüßen.
    Jeden Tag saß er dort oben. Ganz gerade, mit sorgfältig geknöpfter Joppe, eine Hand auf die Krücke gestützt. Den Blick unter der dunklen Schiffermütze zwischen den Masten der Segler hindurch auf das Wasser gerichtet. Stundenlang hielt er aus, so als gebe es für ihn keine Zeit und kein Wetter. Früh oder spät, kalt oder warm, der Alte saß da, ließ den Hafen und alles, was dazugehörte, nicht aus den Augen und hörte nicht hin, wenn die Leute über ihn redeten.
    Als wenn er’s drauf anlegt, sagten sie und machten keinen Hehl daraus, dass sie ihn für plemplem hielten. Wenn der so weitermacht, ist er

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