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Schattenfall

Schattenfall

Titel: Schattenfall
Autoren: R. Scott Bakker
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PROLOG
    DIE WÜSTEN VON KÛNIÜRI
     
     
     
    Wenn wir Kausalität immerfort erst im Nachhinein begreifen, dann begreifen wir nichts. Also definieren wir »Seele« als das, was allem vorausgeht.
     
    Ajencis: Dritte Analyse des Menschengeschlechts
     
     
     
    DEMUA-GEBIRGE, 2147
     
    Gegen das Vergessene kann man keine Mauern errichten.
    Die Zitadelle von Ishuäl war im Zenit der Apokalypse untergegangen. Doch keine Armee der Sranc-Bestien hatte ihre Wälle erstürmt, kein feuerspeiender Drache ihre mächtigen Tore gesprengt. Ishuäl war die geheime Zuflucht der Könige von Kûniüri gewesen, und niemand – nicht einmal der Nicht-Gott – konnte einen Ort belagern, von dem er nicht wusste.
    Monate zuvor war Anasûrimbor Ganrelka III. König von Kûniüri, mit den Resten seines Hofstaats nach Ishuäl geflohen. Von den Wällen herab blickten seine Wachtposten schwermütig über die dunklen Wälder und dachten immer wieder an die brennenden Städte und die klagenden Massen. Wenn der Sturm um die Mauern heulte, dachten sie an die Hörner der Sranc, klammerten sich an die mitleidlosen Steine der Zitadelle und versicherten einander atemlos, sie seien ihren Verfolgern gewiss entkommen, die Mauern von Ishuäl seien stark, ja uneinnehmbar, und wenn man irgendwo das Ende der Welt überleben könne, dann hier.
    Die Pest raffte zuerst den König dahin. Das war durchaus passend, denn Ganrelka hatte in Ishuäl die ganze Zeit abwechselnd geweint und getobt, wie das nur ein um alles gebrachter Potentat vermag. In der Nacht darauf schleppten Mitglieder des Hofstaats den aufgebahrten König in den Wald, sahen im Widerschein seines Scheiterhaufens manches Wolfsauge funkeln und stimmten keine Trauergesänge an, sondern leierten nur ein paar Gebete herunter.
    Ehe der Morgenwind die Asche des Königs verwehen konnte, hatte die Pest zwei neue Opfer gefunden: Ganrelkas Mätresse und ihre Tochter. Als wollte die Seuche die Familie des Königs ganz und gar ausrotten, warf sie sich auf einen seiner Verwandten nach dem anderen. Auch die Wachtposten auf den Wällen wurden stets weniger, und selbst wer die Berge noch im Blick behielt, nahm kaum etwas von ihnen wahr, denn die Schreie der Sterbenden ließen die Wächter den Blick nach innen richten und fixierten ihre Gedanken auf die Schrecken des Todes.
    Bald war auch der letzte Wachtposten tot. Die fünf Ritter von Trysë, die Ganrelka nach der Katastrophe auf dem Schlachtfeld bei Eleneöt gerettet hatten, lagen reglos im Bett. Der Großwesir lag inmitten seiner magischen Texte, und blutiger Stuhlgang hatte seine goldene Robe über und über befleckt. Ganrelkas Onkel, der zu Beginn der Apokalypse den herzzerreißenden Angriff auf die Tore von Golgotterath geführt hatte, hatte sich in seiner Kammer erhängt, und der Luftzug drehte ihn langsam um die eigene Achse. Die Königin starrte leblos auf ihre schwärenden Laken.
    Von all denen, die nach Ishuäl geflohen waren, überlebten nur der uneheliche Sohn des Königs und der Priester-Rhapsode.
    Das befremdliche Benehmen des Rhapsoden, der ein gesundes und ein trübweißes Auge hatte, verschreckte den Jungen so sehr, dass er sich verbarg und sich nur hervorwagte, wenn der Hunger unerträglich geworden war. Der greise Rhapsode suchte immer weiter nach ihm und sang dabei alte Liebes- und Kriegslieder, deren Worte er so anzüglich wie lästerlich verschliff. Während er die Flure entlangtaumelte, rief er immer wieder: »Warum lässt du dich nicht blicken, Kind? Ich möchte dir etwas vorsingen, dich mit geheimen Liedern begeistern! Lass mich Ruhm und Glanz der verlorenen Vergangenheit nicht für mich allein beschwören!«
    Eines Nachts erwischte der Rhapsode den Jungen und streichelte ihm erst die Wangen, dann die Schenkel. »Vergib mir«, murmelte er wieder und wieder vor sich hin, doch nur sein blindes Auge tränte.
    »Wo niemand mehr lebt, gibt es auch kein Verbrechen«, brummte er hinterher.
    Der Junge aber lebte. Fünf Nächte später lockte er den Priester-Rhapsoden auf die hohen Mauern der Zitadelle, stieß ihn in die Tiefe, als der Mann sich volltrunken über die Wehrgänge schleppte, kauerte lange an der Absturzstelle, musterte den zerschmetterten Körper seines Peinigers, der im schwachen Licht kaum zu erkennen war, und kam endlich zu dem Schluss, dieser Leichnam unterscheide sich von den anderen nur dadurch, dass er noch frisch war. Und wer konnte von Mord reden, da sonst niemand mehr lebte?
    Der Winter ließ die Leere von Ishuäl obendrein

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