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Schattenfall

Schattenfall

Titel: Schattenfall
Autoren: R. Scott Bakker
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bitter kalt werden. An die Zinnen der Burg gelehnt, lauschte das Kind immer wieder dem Geheul der Wölfe, deren Rudel einander in den tiefen Wäldern befehdeten. Immer wieder zog er die Arme aus den Ärmeln und schlang sie um den Leib, um sich gegen die fressende Kälte zu schützen, summte dabei die Lieder seiner toten Mutter vor sich hin und genoss mit verzweifelter Lust, wie sich der Wind in seine Wangen krallte. Immer aufs Neue stürmte er durch die Höfe der Burg, schleuderte dem Wolfsgeheul die Kriegsschreie seines Landes entgegen und fuchtelte mit Waffen herum, deren Gewicht ihn schwanken ließ. Und ab und an stupste er die Toten mit dem Schwert seines Vaters und hatte dabei weit aufgerissene Augen, in denen Hoffnung und abergläubische Furcht standen.
    Im Vorfrühling hörte er eines Tages vor dem Tor der Zitadelle Schreie. Er sah durch eine Schießscharte und entdeckte einige ausgemergelte Männer und Frauen – Überlebende der Apokalypse. Kaum hatten sie seinen schattenhaften Umriss erblickt, bettelten sie um Essen, um Unterschlupf, um irgendeine Hilfe, doch der Junge konnte vor Entsetzen nicht reagieren. Die Entbehrungen ließen die Fremden fürchterlich aussehen – wie verwilderte Wolfsmenschen.
    Als sie die Mauern erklommen, flüchtete der Junge die Korridore entlang. Sie suchten nach ihm wie der Priester-Rhapsode und riefen immer wieder, sie würden ihn verschonen. Schließlich fand ihn einer hinter einem Sardinenfass. Weder schroff noch freundlich sagte er: »Wir sind Dunyain, Kind. Warum hast du Angst vor uns?«
    Doch der Junge umklammerte das Schwert seines Vaters nur fester und rief: »Solange es Menschen gibt, gibt es Verbrechen!«
    Der Mann sah ihn erstaunt an. »Nein, Kind«, sagte er dann. »Verbrechen gibt es nur, solange Menschen betrogen werden.«
    Einen Augenblick lang stierte der junge Anasûrimbor ihn nur an. Dann legte er das Schwert seines Vaters beiseite und nahm die Hand des Fremden. »Ich bin ein Prinz gewesen«, murmelte er.
    Der Fremde brachte ihn zu den anderen, und gemeinsam feierten sie ihr seltsames Los. Hier walte gewiss das Fatum, riefen sie einander zu, ohne sich an Götter zu wenden, denn die erkannten sie inzwischen nicht mehr an. Hier konnten sie ihr Bewusstsein am besten erweitern. In Ishuäl hatten sie Zuflucht vor dem Weltende gefunden.
    Noch immer ausgezehrt, doch in die Pelze der Könige gehüllt, schlugen die Dunyain die eingemeißelten Zauberrunen von den Wänden, verbrannten die Bücher des Großwesirs und begruben Juwelen und Kristalle, Seidenballen und golddurchwirkte Gewänder mit den Leichen des Königsgeschlechts.
    Und die Welt vergaß sie für rund zweitausend Jahre.
     
     
    Nichtmensch, Sranc und Mensch:
    Der Erste vergisst,
    Der Dritte bereut,
    Und der Zweite hat den ganzen Spaß.
     
    Alter Kinderreim der Kûniüri
     
    Hier geht es um einen Heiligen Krieg, der groß und tragisch war, um mächtige Gruppen, die ihn vereinnahmen und in die Irre leiten wollten, und um einen Sohn, der seinen Vater sucht. Und wie bei allen Geschichten sind es auch diesmal die Überlebenden, die sie zu Ende schreiben.
     
    Drusas Achamian: Handbuch des Ersten Heiligen Kriegs

DEMUA-GEBIRGE, SPÄTHERBST 4109
     
    Wieder diese Träume.
    Unermessliche Landschaften, überwältigende Geschichten, gewaltige Kämpfe zwischen Religionen und Kulturen – und alles in erschlagender Detailschärfe. Stürzende Pferde. Hände, die sich im Schlamm ballen. Tote, die an die Küste eines warmen Meeres treiben. Und – wie stets – eine alte Stadt, die staubtrocken in der Sonne liegt und graubraune Hügel hinaufwächst. Eine heilige Stadt… Shimeh.
    Und wieder diese Stimme, dünn wie das Züngeln einer Schlange: »Schickt mir meinen Sohn.«
    Die Träumer erwachten gleichzeitig, holten tief Luft und versuchten, dem Unmöglichen Sinn abzuringen. Wie seit den ersten Träumen üblich, fanden sie sich allesamt im düsteren Labyrinth der Hunderttausend Gänge wieder.
    Eine solche Entweihung, beschlossen sie, sei nicht länger hinnehmbar.
     
     
    Anasûrimbor Kellhus, der auf steinigen Gebirgspfaden unterwegs war, stützte sich aufs Knie und schaute zur Zitadelle des Klosters zurück. Die Mauern von Ishuäl thronten über ausgedehnten Fichten- und Lärchenwäldern, wirkten aber vor den zerfurchten Berghängen im Hintergrund recht klein.
    Hast du das auch gesehen, Vater? Hast auch du dich ein letztes Mal umgedreht?
    Auf den Zinnen waren ein paar entfernte Gestalten zu erkennen, die nacheinander in

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