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Schängels Schatten

Titel: Schängels Schatten
Autoren: Oliver Buslau
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1
    Mike verfolgte Carola im Schein der Taschenlampe. Es fiel ihm schwer, das Licht ruhig zu halten. Das mulmige Gefühl in seinem Bauch wurde von Sekunde zu Sekunde stärker, und der Kegel der Lampe zitterte.
    Das Mädchen merkte zum Glück nichts von seiner Unsicherheit. Sie hielt den rechten Eckpfeiler konzentriert im Blick, ging ohne zu zögern auf ihn zu, suchte mit den Fingern Halt und zog sich langsam hoch. In den dunklen Granit war ein Wappen eingemeißelt; die Unregelmäßigkeiten im Stein waren ideale Punkte zum Abstützen. Immer wieder setzte Carola die Füße ins schwarze Nichts, und Sekunden später stand sie schon auf dem steinernen Löwenkopf, der das Wappen krönte. Entschlossen fasste sie nach dem Wasserspeier über sich, der wie ein Arm aus der Mauer ragte. Sie machte einen Klimmzug, schwang sich hinauf und war sofort hinter der Brüstung verschwunden, wo sich tagsüber die Touristen drängten, um den Zusammenfluss von Rhein und Mosel zu bewundern.
    Von hier aus, hatte Carola vorher erklärt, war es ein Kinderspiel. Man musste sich an die Kante über dem Balkon hängen, sich hochziehen, und dann stand man schon auf dem oberen Podest. Mike war verblüfft, wie schnell das gegangen war.
    Im Lichtkegel hing das Seil herunter, das Carola mit hinaufgezogen hatte. Am unteren Ende war ein Gurt befestigt, in den sich Mike hängen sollte. Das mulmige Gefühl verwandelte sich in einen dumpfen Schmerz, der sich in seinem Bauch ausbreitete. Nervös wischte sich Mike die Hände an der Jeans ab.
    Er ging ein paar Stufen die breite Treppe hinunter, blickte nach oben und sah Carolas Kopf über der Kante. Er hätte nie gedacht, dass sie das schaffen würde.
    Natürlich – sie war sportlich und kletterte an allem hoch, was sie finden konnte. Am liebsten waren ihr Mauern in den alten Forts – das Fort Konstantin am Hang der Karthause zum Beispiel. Sie hatte sich sogar schon am Pfeiler der Balduinbrücke versucht. Diese Aktion hatte die Polizei auf den Plan gerufen und Carola Riesenärger mit ihrem strengen Vater eingebracht.
    Der Denkmalsockel am Deutschen Eck war allerdings schon etwas anderes. Ein Riesenklotz, von morgens bis abends von Touristen bevölkert. Und auch wenn mal wenig los war, wurde man sofort entdeckt. Deswegen hatte Mike Carolas Idee, dort mal raufzuklettern, nie ernst genommen. Die einzige Möglichkeit war, es nachts zu versuchen. Aber wie hätte Carola nachts von zu Hause wegkommen sollen? Heute Morgen hatte es dann eine Überraschung gegeben: Carola hatte ihn nach der Chemiestunde abgepasst, gelächelt und nur einen Satz gesagt: »Meine Eltern sind im Urlaub.« Mike war sofort klar gewesen, was das bedeutete. »Du hast gesagt, wenn ich raufkomme, machst du mit«, hatte sie hinzugefügt. »Ich bin bereit. Was ist mit der Fahne?«
    Die Fahne war der zweite Teil des Plans. Es ging nicht nur darum, auf das Denkmal zu klettern. Sie wollten auch die deutsche Flagge vom Mast holen und durch eine andere ersetzen. Eine eigene. Eine mit einem Friedenszeichen. Es sollte eine politische Protesthandlung werden. Gegen den Nato-Doppelbeschluss. Gegen die Bundeswehr-Gelöbnisse, die hier immer stattfanden. Gegen den ganzen Militärkram. Eine Aktion für den Frieden.
    Mike hatte zu Hause ein weißes Betttuch geklaut und wollte es mit roter Sprühfarbe dekorieren. Die klackernde Dose in der Hand, hatte er dann aber doch gezögert. Und aus einer plötzlichen Laune heraus hatte er schließlich statt des geplanten Peace-Symbols einen gewaltigen Phallus aufgemalt.
    Carola hatte währenddessen alles generalstabsmäßig durchgeplant. Um Punkt zwölf musste er sie mit seiner Zündapp am Burgweg abholen. Mit der Fahne natürlich. Um halb eins war dann die Aktion gestartet. Und jetzt stand er hier – vor ihm der gewaltige dunkle Granitblock, auf den er mitten in der Nacht klettern musste, wenn er nicht vor Carola das Gesicht verlieren wollte. Und das wollte er ganz und gar nicht.
    Mike sah auf die Uhr. Kurz vor eins.
    »Hey, was ist los?«, rief Carola von oben.
    »Alles okay«, versuchte er zu antworten, aber seine Stimme klang brüchig.
    Was jetzt kam, hatten sie haarklein abgesprochen. Das Seil bewegte sich im Schein der Lampe. Carola zog es ein Stück hoch. Mike musste den Gurt packen und sich damit sichern. Er überprüfte mit zitternden Fingern noch einmal den Rucksack, in dem sich das besprühte Betttuch befand.
    »Mach schon«, kam es von oben. »Sieh zu, dass du Tritt kriegst.«
    Sie hatten vereinbart, während

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