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Rune

Rune

Titel: Rune
Autoren: Brian Hodge
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PROLOG
     
    Montag, 25. November 1940
     
    Er hatte die Steine vor drei Tagen gefunden und instinktiv gewußt, daß dies alles ändern würde.
    Joshua Crighton war Historiker, oder er versuchte es mit seinen zweiundzwanzig Jahren zumindest, doch er war gewiß kein Archäologe. Trotzdem brauchte er keinen Dr. phil., um zu wissen, daß er über etwas sehr Sonderbares gestolpert war.
    Er war mitten in den Recherchen zu seiner Dissertation, die den Titel Blutiges Williamson: Eine Fallstudie amerikanischer Gewalt tragen sollte. Er hatte mit Bergarbeitern, Richtern, Gewerkschaftsführern, Polizisten, Schmugglern, Gangstern und Leuten vom Ku-Klux-Klan gesprochen – mit fast jeder Person, die in irgendeiner Weise daran beteiligt gewesen war, den Kreis Williamson im Süden von Illinois zu einem der gefährlichsten Flecken Amerikas im ersten Drittel des Jahrhunderts zu machen.
    Und doch fesselte seit drei Tagen nichts seine Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft so sehr wie jener Stein.
    Joshua verbrachte das Semester bei seiner Schwägerin Doris und seinen beiden Nichten. Doris war seit letztem Frühjahr Witwe, weil Joshuas Bruder Martin, wie man annahm, einen Whiskey zuviel getrunken und dann seinen Wagen gegen einen Laternenpfosten gefahren hatte. Früher hatte Joshua die Tatsache beklagt, daß er der einzige sei, der von ihren vernünftigen Eltern gesunden Menschenverstand geerbt hatte. Zudem hatte er die letzten sieben Jahre, dem Zeitraum der Ehe von Doris und Martin, seinen Bruder viel zu selten gesehen. Früher hatte man sich wenigstens einmal im Jahr getroffen, meist zu Weihnachten. Sobald er mit dem Studium fertig wäre, so hatte Joshua gedacht, könnten sie damit anfangen, diese Brücken wieder aufzubauen.
    Nun schien es, als hätten sie beide keine Zeit mehr. Welches Bedauern ist schlimmer als das über eine für immer verlorene Chance?
    Martin war im März gestorben. Die Kinder schienen am besten damit zurecht zu kommen, wie das bei Kindern oft der Fall ist. Sie waren schon immer sehr anpassungsfähig gewesen, wenn wohl auch nicht alt genug, um zu begreifen, wie endgültig für immer war. Auf seine Art beneidete Joshua sie darum.
    Er und Doris hatten im März viel Zeit damit verbracht, sich gegenseitig Trost zu spenden, und in den folgenden Monaten überwand sie den Großteil der Trauer – doch nicht die Einsamkeit, die das Haus wie ein Leichentuch umgab. Als er ihre Einladung erhalten hatte, eine Zeitlang zu ihnen zu ziehen, um näher an der Region zu sein, die er untersuchte, da hatte er nicht gezögert. Er fühlte sich von Anfang an wirklich willkommen, sowohl bei den Dingen als auch bei seiner Familie.
    Er hatte Doris bislang nie als Schwester betrachtet. Sie beide profitierten nun davon. Sie schien dankbar für einen erwachsenen Zuhörer, und er hatte irgendwie das Gefühl, die verlorene Zeit mit Martin posthum nachzuholen. Besser spät als nie.
    Sie lebten sieben Meilen von der nächsten Stadt, einem ruhigen Ort namens Mount Vernon, der wenig gemein hatte mit der urbanen Hektik, die er aus St. Louis kannte. Mount Vernon lag mehr als dreißig Meilen entfernt vom Kreis Williamson, weshalb Joshua die meiste Zeit mit Fahren verbrachte. Das Haus selbst war gemietet und natürlich ziemlich preiswert, und der nächste Nachbar war über eine halbe Meile weit weg. Martin hatte Joshua einmal erzählt, daß der Eigentümer Zimmermann sei, der für seine ziemlich große Familie hier draußen mehrere Häuser hatte bauen wollen, dann aber nach Vollendung des ersten einen Schlaganfall erlitten habe. Er vermietete es für einen einen Apfel und ein Ei, anstatt es zu verkaufen, der dumme alte Bastard.
    Zum Arbeiten war Joshua auf einen kleinen Schreibtisch in der Mansarde beschränkt, einem unfertigen Zimmer, in dem man kaum aufrecht stehen konnte, ohne sich den Kopf zu stoßen. In der Mansarde hatte man noch nicht einmal elektrische Leitungen verlegt, und so arbeitete er nachts im Schein einer Öllampe. Was oft genug verheerend für die Augen war, dafür aber ein heimeliges Licht im Raum verbreitete.
    In der dritten Nacht nach dem Fund des Steines rückte Joshua seinen Stuhl über den Holzboden, weg vom Schreibtisch. Seine Muskeln lockerten sich schmerzhaft, als er aufstand. Fünf Stunden ohne Unterbrechung. Und was habe ich erreicht? Gar nichts. Er ging zu dem Fenster, welches das schräg abfallende Dach und den Horizont überblickte. Ein steter, eisiger Regen prasselte draußen nieder.
    Am Horizont …
    Hin zu dem Hain, in

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