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Ordnung ist nur das halbe Leben

Ordnung ist nur das halbe Leben

Titel: Ordnung ist nur das halbe Leben
Autoren: Emma Flint
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1
    Der ganze Schlamassel mit meinen Eltern begann am Tag meiner Geburt. Es hatte lange nicht geklappt bei ihnen mit dem Kinderkriegen, und der Arzt hatte ihnen zu einem Tapetenwechsel geraten. Da sie es schon bei einem romantischen Wochenende in Paris, mehrfach in ihrem Dauerurlaubsort an der Costa Brava und zigmal zu Hause probiert hatten, wagten sie einen radikalen Tapetenwechsel und reisten auf den Selbstfindungssubkontinent, nach Indien. Berauscht von den Farben, den Menschenmassen und dem Duft nach Curry, Abgasen und Müll, vergaßen sie allen Stress und zeugten mich nach einer ausgiebigen Shoppingtour auf den seidenen Laken des Maharashtra Garden Resort. An diesem Tag wurde der Grundstein gelegt für eine Sammlung bizarrer Souvenirs – und für mich.
    Überwältigt von ihren Gefühlen der Dankbarkeit, ließen sie sich bei meiner Geburt dazu hinreißen, mich nach dem Zeugungsort und dem Zeugungstag zu nennen. Mit anderen Worten: Sie brachten es tatsächlich fertig, mich auf den Namen Puna Monday Steckelbach zu taufen. Mein kleiner Bruder dagegen hatte mehr Glück. Der hieß Hannes. Warum der nicht nach seinen Zeugungsdaten benannt worden war, wollte ich von meinen Eltern wissen, kurz nachdem ich über die Vorgänge aufgeklärt worden war, die zur Entstehung von neuem Leben führten – also mit fünf.
    »Nee, Puna«, sagte meine Mutter, »Köln-Porz Donnerstag klingt ja fürchterlich. Das kann man einem Kind nicht antun.«
    Ich trug also einen Hippienamen, obwohl meine Eltern noch nicht mal Hippies waren. Was für eine unsinnige Aktion! Aber ich arrangierte mich mit meinem Namen. Seit der Grundschule erwähnte ich ihn nie wieder. Ich nannte mich Moni. Wenn ich erst mit Jens verheiratet wäre, wäre mein Name perfekt: Moni Hill. Mit meinen Eltern kam ich gut klar. Vor allem wenn ich nichts mit ihnen zu tun hatte.
    Eine Zeit lang war es auch tatsächlich prima zwischen uns gelaufen, und zwar genaugenommen seit ich nach dem Abitur ausgezogen war bis letztes Jahr im Juni. Da machte Jens, mit dem ich seit acht Jahren zusammen war, mir an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag einen Heiratsantrag. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund fassten das meine Eltern als Aufforderung auf, wieder mit dem anzufangen, was sie am besten konnten: sich in mein Leben einzumischen. Das hatten sie schon immer gerne gemacht. Von Anfang an.
    Das betraf mein Aussehen:
    »Kurze Haare sind für Kinder am praktischsten.« – Ich sah mit meinem ausrasierten Nacken aus, als ob ich Jagd auf den Vietcong machen wollte.
    Das betraf meine Kleidung:
    »Kinder müssen fröhlich angezogen sein.« – Die schrillen Outfits von Lady Gaga waren nichts gegen die Farbenpracht meiner Klamotten.
    Das betraf mein Spielzeug:
    »Die Natur macht die schönsten Spielsachen.« – Meine Eltern waren der Überzeugung, dass Wasser, Sand, Matsch, Stöcke und Steine als Beschäftigungsobjekte völlig ausreichten. Was für ein Blödsinn! Es ist doch allgemein bekannt, dass Eltern überhaupt keinen Schimmer davon haben, was Kinder brauchen und was nicht. Für mich gab es jedenfalls nichts Sinnvolleres als den Princess-Coralie-Schminkkopf samt Kosmetikkoffer und die Barbie-Hochzeitskutsche. Aber was bekam ich, wenn meine Eltern doch mal in einen Spielzeugladen gingen? Fantasie und Enttäuschung anregendes Pädagogenspielzeug aus unlackiertem Kiefernholz. Bah!
    Auch in meine Freizeitbeschäftigungen mischten sie sich ein. »Es gibt nichts Besseres für Kinder, als draußen zu spielen«, behaupteten sie und sahen überhaupt nicht ein, dass meine Anwesenheit in meinem Zimmer zwingend erforderlich war, weil meine Barbie Kimberley, die mir Tante Marianne unter den missbilligenden Blicken meiner Eltern geschenkt hatte, gerade eine harte Zeit im Internat durchlebte. Sie schickten mich vor die Tür. Immer. »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung«, sagten sie ungerührt, wenn ich wegen Platzregen oder Graupelschauern um Gnade bat.
    Meinem Bruder machte auch das fürchterlichste Wetter nichts aus; er streifte liebend gerne herum, auf der Suche nach Tierkadavern oder knotigen Ästen oder Wurzeln, die aussahen wie Monster. Bei seiner schlammüberströmten Rückkehr wurde er von meinen Eltern für seine Funde immer über den grünen Klee gelobt, ganz so als wäre er ein abgerichteter Hund, der seinem Herrchen die Jagdbeute vor die Füße legte.
    Natürlich wollte ich auch gelobt werden. Also begab ich mich ebenfalls auf die Pirsch. Von platt gefahrenen Fröschen und

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