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Nun ruhe sanft und schlaf in Frieden

Nun ruhe sanft und schlaf in Frieden

Titel: Nun ruhe sanft und schlaf in Frieden
Autoren: Claire Seeber
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DANACH: DEZEMBER
    Ich laufe um mein Leben, so viel weiß ich jetzt.
    Der Mond verschwindet hinter den Wolken. Vielleicht ist die Dunkelheit mein Glück, doch die Schatten an meiner Seite scheinen mich zu verhöhnen, während ich fliehe, während ich eilig den Garten durchquere. Verzweifelt krallen meine Finger sich um das Metall des Schlüsselbundes, mein kleiner Finger liegt über einer scharfen Kante, ich spüre, wie sie ins Fleisch schneidet, aber ich achte nicht auf den Schmerz. Fast rutsche ich auf dem durchweichten Weg aus, aber nein, ich werde nicht stürzen, ich werde es nicht zulassen; ich passe besser auf, obwohl meine Beine aus Blei sind, obwohl sie mich immer tiefer in den Boden ziehen wollen; jeder Schritt schmerzt, meine Beine verlangen nach Ruhe, doch ich kann nicht stehen bleiben, ich wage es nicht. Stolpernd treibe ich mich immer weiter, denn sie kommen näher … sicher sind sie bald da …
    Nun liegt der Kiesweg hinter mir, und ich halte über die Wiese auf die Holzbrücke zu, auf das Pub, wo ich Licht sehe. Ich habe nicht genug Zeit, den Kopf zu wenden, oder schlimmer noch: Mir fehlt der Mut zu sehen, wie kurz das Stück Weg ist, das ich erst hinter mich gebracht habe.
    Ich laufe um mein Leben. Ich bekomme keine Luft mehr, doch ich kämpfe, bis sie mit einem Todesröcheln in meine Lungen strömt. Früher war ich schnell, als Kind, ich lief aus Freude und weil ich goldene Medaillen wollte - jetzt aber bin ich aus der Übung. Ich bin seit Jahren nicht mehr richtig gelaufen, und mein verletztes Bein tut weh. Die Angst treibt mich an. Eine Angst, die mich niederdrückt, die mich erstickt.
    Wenn ich es nur bis zum Pub schaffe, wenn ich die Tür hinter mir zuschlagen kann, dann bin ich in Sicherheit. Gerettet. Aber wieso war ich nur so verrückt zu glauben, ich könne allein hierherkommen und würde dabei kein Risiko eingehen?
    Es ist zu spät. Das Auto hält hinter mir und schleudert im Bremsen den Kies hoch. Fast ist es, als würde der Scheinwerfer mich ans Haus ketten. Ich fahre herum. Ich will meinem Verfolger ins Gesicht blicken. Ich kann es nicht ertragen, dazustehen und nicht zu sehen, was passiert, seinen Blicken hilflos ausgeliefert. Die Autotür schwingt leise auf, der Mond kommt hinter den Wolkenfingern hervor wie eine ölige Scheibe. Alles ist nun hell erleuchtet, und ich gehe erleichtert auf das Auto zu - bis dieses Lächeln mich trifft und ich hörbar nach Luft schnappe. Fassungslos taumle ich zurück, als hätte man mir einen Schlag in die Magengrube verpasst, dorthin, wo es am meisten wehtut.
    »Du?«, sage ich benommen. »Das kann nicht sein.«
    Ein gemessener Schritt in meine Richtung. »Aber so ist es, Maggie.« Und dieses Lächeln, ein mattes Lächeln. Ein Verräterlächeln. »Hast du etwa jemand anderen erwartet?«
     

DAVOR: JUNI
    Ich hauche meinen warmen Atem gegen die Scheibe im Bus und beobachte, wie die weiße Wolke sich langsam ausbreitet. Mein Finger folgt dem Dunst, der sich auf der Scheibe niederschlägt, und malt langsam meinen Namen hinein, als wäre ich ein Schulmädchen. Doch schon in der nächsten Kurve wird er unterbrochen, mein Name läuft in einem Strich nach unten aus, ein M und sonst nichts. Ich wische das Zeichen mit der geballten Faust weg. Nun ist meine Hand nass. Ich reibe sie am Sitzbezug trocken. Ich kauere mich in die schwüle Wärme des Busses, einen Augenblick lang fühle ich mich sicher vor der dunklen, dichten Nacht da draußen. Ich will nicht einschlafen. Von weitem blinzeln die Lichter eines Häuschens verführerisch herüber. Es schmiegt sich an die benachbarte Kirche wie ein Vertrauen schöpfendes Kind. Sehnsüchtig saugen meine Augen sich an dem verlockenden Bild fest, aber wir rasen über die Autobahn, eine kleine erleuchtete Kapsel auf der dunklen M4. Das Haus ist längst in der Ferne verschwunden.
    Ich halte unwillkürlich den Atem an, als der Junge neben mir scheu seinen Kopf hebt, seine noch ungewohnt langen Gliedmaßen entfaltet, als wären sie Spinnenbeine. Er steht auf und geht nach vorne, wo seine Freunde sitzen. Nun, wo ich allein in der Sitzbank bin, habe ich ein wenig Raum für meine Trauer, für den Schmerz über das, was ich zurückgelassen habe. Ich fühle mich vollkommen wund, als hätte man mich bei lebendigem Leib gehäutet. Ich beiße mir auf die Lippen, das lindert wenigstens die innere Pein. Die Wahrheit ist, dass wir dieses Mal zu weit gegangen sind. Von diesem Punkt aus gibt es kein Zurück mehr. Es ist alles gesagt. Wir

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