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Nobels Testament

Nobels Testament

Titel: Nobels Testament
Autoren: Liza Marklund
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Donnerstag, 10. Dezember
Tag der Nobelpreisverleihung
    Die Frau, die man das Kätzchen nannte, spürte das Gewicht der Waffe unter ihrer rechten Achsel. Sie ließ die Zigarette zu Boden fallen, raffte ihr Kleid und zertrat die Kippe sorgfältig unter ihrer Sandalette.
    Holt euch doch da eure DNA, wenn ihr könnt.
    Drinnen in den Festsälen des Stadshuset war nun schon seit drei Stunden und neununddreißig Minuten die Nobelpreis-Gala im Gang. Inzwischen tanzte man, einzelne Töne der Musik drangen zu ihr heraus in die Kälte.
The Target
hatte den Tisch in der Blauen Halle verlassen und sich in Richtung des Goldenen Saals bewegt. Die SMS, die soeben auf ihrem Handy eingegangen war, benannte die Position des Ziels so genau, wie es unter diesen Umständen eben möglich war.
    Sie seufzte, bemerkte ihre Anspannung und ohrfeigte sich im Geiste. Das hier war eine Sache der Konzentration. Da war kein Platz für existenzielle Grübeleien oder Nachdenken über alternative Karrieren, es ging allein darum, das verdammte Ding durchzuziehen.
    Sie zwang sich, die Gedanken auf den auswendig gelernten Weg zu lenken. Wieder und wieder hatte sie ihn sich ins Hirn gemeißelt, bis sie todsicher war, den Auftrag erfolgreich abschließen zu können.
    Deshalb ging sie nun mit kleinen, wohlbemessenen Schritten; eins, zwei, drei; Salz und Streugut waren durch die dünnen Sohlen der Sandalen deutlich zu spüren. Die Temperatur war unter den Gefrierpunkt gefallen, und auf dem Boden hatten sich Eisflecken gebildet. Auf solche Umstände hatte sie gehofft, doch davon ausgehen konnte sie nicht. Die Kälte machte sie glaubwürdig: Sie war bleich, und ihre Augen tränten. Es war gut, wenn sie ein wenig gerötet waren.
    Die Polizisten in ihren Uniformen und gelben Westen waren dort postiert, wo sie hingehörten. Zwei auf jeder Seite des Portals, das den Haupteingang des repräsentativen Rathauses bildete. Sie machte sich bereit.
    Zeit für Station Nummer eins; bleich und schön, verfroren und kalt, das Handy in der Hand. Tamtadada, jetzt war Showtime!
    Zeitgleich mit einigen gut gelaunten Mitbürgern, die von der anderen Seite kamen, durchschritt sie von der Straße aus das Tor. Die Stimmen der Gruppe klirrten in der kalten Luft, das Gelächter schallte laut. Die indirekte Beleuchtung der Fassade warf Schatten über ihre seligen Gesichter und wohltoupierten Frisuren.
    Sie senkte den Blick und erreichte den ersten Polizisten. Einer der seligen Herren verlangte nach einem Taxi. Als der Bulle den Versuch machte, sie anzusprechen, ruderte sie mit den Armen und tat so, als strauchelte sie. Der Typ reagierte instinktiv so wie jeder Mann: Ganz der Gentleman, fing er ihren haltlosen Arm (ihren bleichen, schönen, unterkühlten Arm); geniert murmelte sie etwas in unverständlichem Englisch, zog ihre kalte Hand zurück und glitt in Richtung des Haupteingangs davon, dreiunddreißig geplante Schritte.
    Wie verdammt einfach, dachte sie. Das hier ist unter meiner Würde. Der kiesbedeckte Bürgerpark war voller Limousinen mit dunkel getönten Fenstern, aus dem Augenwinkel nahm sie ein paar Sicherheitsleute wahr. Die Menschen strömten aus dem Gebäude. Ihr alkoholgeschwängerter Atem stand in Fahnen vor ihren sauren Mündern, das flackernde Licht der Fackeln zeichnete groteske Schatten auf ihre Gesichter. Geradeaus, hinter den Autos und dem Garten, schimmerte das schwarze Wasser des Mälarsees.
    Sie trippelte weiter zu Station Nummer zwei: die Eingangstür zur Blauen Halle. Ein älterer Mitbürger blockierte den Durchgang, und sie musste warten. Der Mann trat zur Seite, um eine Gruppe blauhaariger Ladys einzulassen, die hinter ihm auftauchte. Sie musste sich einen Kommentar verkneifen und bibbernd in der Kälte warten, während die Mehrheit sich hinunter in den Bürgerpark drängelte. Ein angetrunkener Gentleman sagte etwas Anzügliches, als sie mit dem Telefon in der Hand in die Garderobe schlüpfte, aber sie ignorierte ihn, sie ließ ihn hinter sich, und natürlich funktionierte es, sie war bei Station Nummer drei angelangt.
    Annika Bengtzon erhob sich von Tisch fünfzig, und ihr Tischherr, der Chefredakteur der Zeitschrift
Science,
hielt ihr den Stuhl. Sie war ein wenig wackelig auf den Beinen, und beinahe wäre ihre Stola zu Boden gerutscht. Sie zog sie sich fester um die Schultern. Hier waren überall so viele Menschen, so viele wirbelnde Farben. Gerade eilte der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie an ihrem Tisch vorüber, Mensch, sah der gut

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