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Modesty Blaise 09: Die Lady fliegt auf Drachen

Modesty Blaise 09: Die Lady fliegt auf Drachen

Titel: Modesty Blaise 09: Die Lady fliegt auf Drachen
Autoren: Peter O'Donnell
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1
    Ein paar Minuten vor neun Uhr morgens brachte man Barboza zur Hinrichtungsstätte, lud seinen eigenen Revolver mit einer einzigen Patrone, zeigte ihm, daß sie in der richtigen Kammer war, und steckte die Waffe in das Halfter an seiner Hüfte.
    Blinzelnd stand er in der Sonne und versuchte, seiner Furcht Herr zu werden.
    Barboza war vor etwa zwei Jahren aus der kubanischen Armee desertiert, aber das war nicht der Grund, warum er auf einer kleinen Insel in Tasmanien sterben sollte. Er mußte sterben, weil er vergessen hatte, eine Tür zu verriegeln, und eingeschlafen war.
    Condori, der hochgewachsene Mexikaner und Aufseher der ständigen Wache, hatte ihn vor die Wahl gestellt, entweder durch den Strick oder durch eine Kugel zu sterben, und er hatte die Kugel gewählt. Aber nicht, weil er das für die bessere Todesart hielt, denn er war ein einfältiger Mann mit geringer Vorstellungskraft; seine Wahl wurde von dem dumpfen Ärger bestimmt, den er gegenüber den Leuten empfand, die seinen Tod befohlen hatten; jenen Leuten, die in dem weißen Haus auf dem Hügel wohnten. Mit dem Revolver, so überlegte er, bestand eine vage Möglichkeit, daß es ihm gelingen könnte, seinen Exekutor mit hinüberzunehmen. Und das wäre zutiefst befriedigend, denn Barboza haßte Priester.
    Der Revolver an seiner Hüfte war ein Smith & Wesson 41 Magnum. Ganz gleich, wo man einen Mann mit einer Kugel aus dem Achtzehnzentimeter-Lauf trifft, sie erledigt ihn ebenso sicher wie der Schlag eines Schmiedehammers. Dieser Gedanke schenkte Barboza in den letzten Minuten seines Lebens einen gewissen Trost und half ihm, seine Angst in gespannte Bereitschaft umzusetzen; er war so wach und konzentriert wie niemals zuvor in seinem Leben.
    Unrasiert und immer noch in dem zerknitterten Hemd und in der Hose, die er getragen hatte, als die anderen Wachtposten ihn vor zwei Tagen in eine Zelle geworfen hatten, stand er vor dem großen Patio und blickte auf die Treppe, die im Zickzack den grünen Hügel hinauf zu den weißen Mauern von
Dragon’s Heart
führte. Wenn er die Augen vor der Sonne abschirmte, konnte er auf dem breiten Balkon drei Personen erkennen: das rothaarige Mädchen mit den üppigen Brüsten, den Chinesen und den großen Mann mit dem goldenen Lockenkranz, der sprach und sich bewegte, als käme er aus einem Märchenland; sah er einen jedoch auf eine bestimmte Art an, so krampfte sich der Magen vor Angst zusammen. In den zwei Jahren, die Barboza nun auf der Insel lebte, hatte er mit den Bewohnern des weißen Hauses kaum jemals ein Wort gewechselt. Sie kamen und gingen, benutzten hin und wieder die Jacht, die in dem natürlichen Hafen auf der anderen Seite des Hügels vor Anker lag, meistens jedoch den zweistrahligen
Grum-man-Gulfstream-Jet
. In ihrer Abwesenheit hatte Condori mit seinen siebzehn Wächtern die Aufsicht über die Insel. In diesem Augenblick waren fünf von ihnen im Dienst, einer bei der Telefonvermittlung, einer in der Radiostation, ein dritter auf dem Flugplatz und zwei am Hafen. Die anderen verteilten sich über den Grasstreifen, der zu Barbozas Rechten den Patio säumte.
    Die neue Aushebung für den tiefer unten gelegenen Garten befand sich hinter ihnen.
    Er drehte ein wenig den Kopf, um sie zu sehen. Einige standen herum, andere lagen im Gras, und er haßte sie, weil sie in einer Stunde noch am Leben sein würden. Barboza hatte keine Feinde unter ihnen und keinen Freund. Sein mürrisches Wesen hatte ihn zu einem Außenseiter gemacht, eine Stellung, die ihn mit einem gewissen Stolz erfüllte. Seine Hinrichtung würde seinen Kollegen keinen Kummer bereiten, im Gegenteil, das Ereignis würde eine angenehme Unterbrechung in dem eher monotonen Leben darstellen.
    Regan, der Ire, saß auf seinem Motorrad und rauchte gedankenverloren eine Zigarette. Seine Maschine hatte einen kleinen Anhänger, der Barbozas Leiche aufnehmen und hinunter zum East Point bringen sollte, wo man sie mit Gewichten beschweren und ins Meer versenken würde. Chater, der Australier, und Li Gomm, der Chigro aus Macao, nahmen immer noch Wetten hinsichtlich des Ausgangs an: nicht, ob Barboza sterben würde – daran zweifelte niemand –, aber ob es ihm gelingen würde, den Revolver zu ziehen oder sogar einen Schuß abzugeben.
    Barboza dachte an die Hinrichtung der Italienerin vor sechs Monaten, als man wettete, wie sie reagieren würde. Sie hatte nicht einmal den Versuch gemacht, die Waffe, die man ihr in die pummelige Hand gedrückt hatte, hochzuheben. Sie warf

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