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Mitternachtsflut

Mitternachtsflut

Titel: Mitternachtsflut
Autoren: Gabriele Ketterl
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in der Nacht, nach langen Gesprächen und einem wunderbaren Essen, fragte er Marie neugierig, wie sie das gemacht hätte. Marie wusste nicht wovon er sprach und war etwas ratlos. Also holte Domingo ein wenig weiter aus.
    „Manolo spricht sonst nie mit Fremden, er ist sehr zurückgezogen und meist grenzt es an Unhöflichkeit, wie er die Touristen behandelt. Schon einige haben sich bei ihren Reiseleitern über ihn beschwert. Der wirft sie regelrecht aus „seinem Dorf“ wenn sie ihm nicht zur Nase stehen oder sich irgendwie blöd benehmen.“ Marie hatte nur die Schultern gezuckt. „Ich mochte ihn sofort. Ich finde ihn faszinierend!“ „Mhm, er dich wohl auch!“ hatte Domingo nur gebrummelt und damit war die Sache für ihn erledigt.
    Für Marie allerdings hatte es hier erst begonnen. Nur zwei Tage später zog es sie wieder in das kleine, versteckte Dorf mit seinen geheimnisvollen Legenden und Geschichten. Als sie – nachdem sie sich dreimal verfahren hatte – in Masca ankam, hatte Manolo bereits für zwei Personen gedeckt und wartete mit dem Mittagessen auf sie. Marie hatte ihn nie gefragt, woher er gewusst hatte, dass sie kommen würde. Sie genoss den Fisch, den Wein und die Erzählungen des Mannes, der sie wie noch kein anderer in seinen Bann gezogen hatte. Es war spät geworden an jenem Abend, auch hatte der Wein seine Wirkung getan und so war Marie bei Manolo geblieben. Er hatte ihr sein bequemes Sofa zur Verfügung gestellt und ab dem nächsten Morgen nannte er sie „mi hicha“, meine Tochter. Als Marie dann wohl oder übel doch zurück musste, tat sie es mit äußerstem Widerwillen. Masca zu verlassen bereitete ihr fast körperliche Schmerzen. Ihre Entscheidung war gefallen.

Kapitel 3
    Zurück in Deutschland, hatte sie ihr Leben in Frage gestellt, ihre wenigen Freunde waren eingebunden in hektische Leben, ihre Eltern waren vor drei Jahren bei einem schweren Autounfall auf dem Weg nach Holland ums Leben gekommen.
    Als sie an einem kühlen Morgen an deren Grab stand, lauschte sie in sich hinein. Was hätte ihre leicht liebenswert-verrückte Mutter getan? Was ihr zwar immer seriöser, aber seine Familie über alles liebender Vater? Sie fühlte die Antwort der beiden Menschen, die sie so gut gekannt hatten, wie sonst niemand. Nur fünf Monate später stand sie wieder in Masca, lief wieder durch die Gässchen und landete in Manolos verstecktem, kleinem, mit Blumen überwuchertem Patio.
    „Da bist du ja, du bleibst doch, oder?“ Als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre, hatte er sie in ein winziges Häuschen, direkt neben seinem geführt.
    Das kleine Hexenhaus, umrankt von unzähligen Bougainvilleen, hatte nur zwei Zimmer, eine klitzekleine Küche und einen ebenso winzigen Patio, der an den von Manolo grenzte. „Gefällt es dir?“ Mehr hatte er nicht gefragt und Marie musste nur nicken. Wenige Stunden später hatte sie ihr Gepäck aus der quirligen, belebten Hafenstadt Puerto de la Cruz in diese magische kleine Oase der Ruhe gebracht. Sie war angekommen. Das war jetzt ein Jahr her und Marie hatte das Gefühl zuhause zu sein nie mehr verloren. Sie war zur Ruhe gekommen.
    Nun, nicht ganz. Mehrmals schon hatte sie seit ihrer Ankunft eine seltsame Unruhe sie ergriffen, die sie sich nicht erklären konnte. Sie hatte ein unerklärliches Gefühl in sich wahrgenommen. Als würde irgendetwas Fremdes in ihr erwachen, sich erinnern, langsam und zögerlich. Als ob jemand sie rufen würde, war sie fast wie ferngesteuert, zu den seltsamsten Zeiten durch die Schlucht hinunter zum Meer gelaufen. Nur um dort zu sitzen, über das – wahlweise - glitzernde oder tobende Wasser zu blicken und unruhig in sich hinein zu horchen. Als sie Manolo das erste Mal davon erzählte, hatte er sie nur lange und eindringlich angesehen und dann war ein leises Lächeln über sein Gesicht gewandert. „Sehr gut! Du hörst sie, die Stimmen der Ahnen! Hör ihnen gut zu, wenige, nur sehr wenige können sie hören, geschweige denn verstehen!“
    Marie hatte das auch nicht verstanden und dachte immer wieder über die Worte nach. Auch als sie jetzt die letzten Meter hoch zu ihrem Zuhause lief, gingen ihr die geheimnisvollen, geradezu kryptischen Äußerungen wieder einmal durch den Kopf. So vor sich hingrübelnd und in sich versunken traf sie auf Manolo. Er sah sie aufmerksam an und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. „Kommst du etwa vom Strand? Du wolltest doch wohl bei diesen Strömungen nicht wirklich schwimmen?“

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