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Mitternachtsflut

Mitternachtsflut

Titel: Mitternachtsflut
Autoren: Gabriele Ketterl
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glänzten im Zwielicht direkt unter der Oberfläche. Es war einfach märchenhaft. Hier war sie in einer anderen Welt. Einer Welt voller Geheimnisse und voller Schönheit. Bei so viel Schönheit vergaß Marie allerdings fast, dass sie den Weg ja auch wieder zurück musste. Als sie widerwillig endlich umdrehte, erkannte sie, dass die Strömung sie weiter getragen hatte als erwartet. Sie atmete tief ein und legte sich kurz steif auf den Rücken, um Kraft zu schöpfen. Nach einer Weile machte sie sich daran zurück zu schwimmen. Obwohl Marie mit kräftigen, ausholenden Zügen schwamm, kam das Ufer nur sehr, sehr langsam näher. Auch schien ihr das Wasser jetzt noch etwas kälter als zuvor.
    Wirklich warm war der Atlantik nie, doch so frisch war es schon lange nicht mehr gewesen. Zu allem Überfluss hatte es die Sonne heute entweder besonders eilig oder Marie hatte die Zeit komplett falsch eingeschätzt. So etwas passierte ihr doch sonst nicht. Sie war noch nicht annähernd in Ufernähe, als der letzte hauchdünne rote Schimmer am Horizont verschwand. Es war ein ungewohntes und neues Gefühl, sich nun so dem kalten nassen Element, verbunden mit einbrechender Dunkelheit ausgeliefert zu sehen. Marie schwamm unbeirrt weiter, doch ihre Arme wurden zunehmend müde und auch ihre Beine begannen steif zu werden. Wie hatte sie so dumm sein können nach solch einer Flut so weit hinaus zu schwimmen? Sie hätte doch wissen müssen, mit welcher Kraft das Meer zurück in sein Becken drängte. So sehr sie es zu verhindern suchte – Marie bekam Angst. Das Wasser war nun nicht mehr silbrig schimmernd, sondern wurde dunkel und undurchdringlich – fast bedrohlich. „Jetzt hör aber auf zu spinnen!“
    Marie versuchte sich selbst Mut zu machen, nahm ihre Kräfte zusammen und schwamm noch etwas schneller. Das aber war, in Verbindung mit der Kälte des Wassers, zu viel für ihre Muskeln – ein plötzlicher, schmerzhafter Krampf durchzog ihr rechtes Bein von der Hüfte bis zur Zehenspitze. Es tat so weh, dass Marie kurz unterging und vor Schreck Wasser schluckte.
    Prustend und keuchend kam sie wieder an die Oberfläche. Nun hätte sie doch einiges darum gegeben, wenn einer der Hippies dort oben aufgetaucht wäre. So versponnen sie auch sein mochten, sie waren nett und hilfsbereit und das allerwichtigste, sie konnten alle sehr gut schwimmen. Doch es war kein Mensch zu sehen. Marie war alleine mit sich und ihrer zunehmend größer werdenden Furcht. Wieder zog der Muskel in ihrem Bein sich schmerzhaft zusammen. Automatisch griff sie nach der schmerzenden Stelle und es fiel Marie schwer an der Oberfläche zu bleiben. Sie versuchte die Entfernungen abzuschätzen. Sie kniff die Augen zusammen, um die Umrisse besser sehen zu können. Nur undeutlich waren die einzelnen Klippen jetzt noch zu erkennen, kein Licht, kein Feuerschein – nichts. Dafür kamen nun auch noch größere Wellen, die mit viel Kraft hinaus auf das offene Meer drängten. Wieder ging Marie kurz unter, schaffte es aber gerade noch an die Oberfläche.

Kapitel 4
    „Marie, hörst du mich? Bleib ruhig und leg dich jetzt auf den Rücken. Mach schon! Los schnell, streck deine Arme zur Seite weg. Atme ruhig weiter. Rasch, tu was ich sage!!“ „Manolo?? Bist du das?“
    Marie versuchte durch die Dämmerung etwas zu sehen, doch am Ufer war nichts zu erkennen. Selbst wenn Manolo dort gestanden hätte, das Ufer schien noch so weit entfernt, nie hätte seine Stimme bis hierher so klar und deutlich an ihr Ohr dringen können. „Tu jetzt was ich dir sage, Marie, sofort! Du bist in großer Gefahr!“ Die Stimme hatte etwas Überzeugendes. Ohne weiter nachzudenken befolgte Marie den Rat, legte sich auf die Wasseroberfläche, breitete die Arme aus und atmete tief aus und ein. Langsam wurde ihr Atem wieder gleichmäßiger und selbst die Angst ließ etwas nach. „Jetzt bewege langsam dein Bein, es darf nicht zu kalt werden und immer weiter gleichmäßig atmen. Gut so, sehr gut, nun schwimm eine Weile auf dem Rücken. Du machst das gut!“ Das war doch eindeutig Manolos sanfte und doch so eindrucksvolle Stimme, aber wo steckte er?
    Sie versuchte den Kopf zu heben, doch sofort erklang wieder diese Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Lass den Kopf unten, schwimm weiter, du musst so schnell wie möglich raus aus dem kalten Wasser. Bewege die Arme, jetzt etwas weiter nach rechts, ja sehr gut. Gleich hast du es geschafft. Jetzt dreh dich um und schwimm normal weiter.“ Marie kamen ernsthafte

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