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Mit 80 000 Fragen um die Welt

Mit 80 000 Fragen um die Welt

Titel: Mit 80 000 Fragen um die Welt
Autoren: Dennis Gastmann
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PROLOG
«WARUM IST DER NEGER SCHWARZ?»
    REPORTERSCHICKSAL
    Ich hatte nie eine Schwäche für Marmeladenbrötchen. Schon gar nicht mit Butter. Butter und Marmelade – ein ähnliches Gemisch hat BP im Golf von Mexiko angerührt. Unten: ein Schmierteppich. Oben: leblose Klumpen. Aber leider gibt es Menschen, die meine kleine Extravaganz nicht tolerieren.
    Hallo, ich bin Dennis.
    «Du musst da doch Butter unter nehmen!»
    Wilma Brunkhorst sieht mich an, als hätte ich gerade ihr Weltbild zerstört.
    «Frau Brunkhorst, ich mag das nicht mit Butter.»
    «Bitte was? Keine Butter unter? Du bist doch ’ne schlanke Natur!»
    Frau Brunkhorst ist schwerhörig. Sie redet nicht, sie kreischt. Dabei sollte man in Deckung gehen, denn wenn es schlecht läuft, fliegen dir scharfe Brötchensplitter und Marmeladenreste um die Ohren. Die kraushaarige Dame schnackt gern mit vollem Mund, sie ist eben vom Lande. Und wenn sie ausnahmsweise nicht spricht, stemmt sie ihre dritten Zähne in die dick bestrichenen Stullen   – Gebäck und Gebiss erzeugen dann ein Geräusch, das du nicht mehr vergisst. Ähnlich muss es klingen, wenn man in einen Frosch beißt.
    Natürlich ist die Erdbeermarmelade selbstgemacht, Wilma ist ein herzlicher Mensch. So herzlich, dass sie mich gerne abwechselnd tätschelt, knuddelt und fest umarmt.Wegen ihres Rheumas übrigens nur mit dem rechten Arm. Sie formt daraus einen Haken, legt ihn um meinen Hals und zieht mich immer wieder zu sich nach unten. Frau Brunkhorst ist sehr klein.
    «Oh, mein lieber Dennis!», ruft das Ungeheuer aus der Tiefe. «Mensch, was ist das schön, dass du da bist. So ’n hübschen Bengel hab ich nicht oft inner Küche! So, und jetzt mach mal Butter unter. Sonst schmeckt das doch nicht.»
    Das Fernsehen ist schuld. Ein großer Sender aus dem Norden hat mich an diesen Frühstückstisch gesetzt. Reporterschicksal: Wenn du ein Thema hast, dann musst du es «herunterbrechen». Also eine Nachricht, einen Anlass, ein Weltereignis mit der Heimat verknüpfen. Mit zu Hause. Manchmal bricht man sich dabei einen ab.
    Michael Jackson ist tot!
Was bedeutet das für Wilma Brunkhorst oder den Krabbenfischer aus Büsum?
Krieg in Afghanistan!
Wie schätzt Wilma Brunkhorst die Lage ein, und was sagen die Menschen aus Hahnenklee-Bockswiese dazu?
Ein Reporter reist mit Zuschauerfragen um die ganze
Welt!
Welche bedeutende Frage stellt sich dann wohl Wilma Brunkhorst, die 87   Jahre alte Röhrkohlbäuerin aus Wremen bei Bremerhaven? Dort, wo das Leben noch so norddeutsch ist wie vor fünfhunderttausend Jahren.
    Das ist mein Auftrag: der Bilderbuch-Zuschauerin (Deich, Bauernhof, trockener Humor) ein paar geschmackvolle, bevorzugt norddeutsche Fragen entlocken und dann endlich abhauen in die große weite Welt. So weit weg wie möglich.
    Das Brunkhorst’sche Anwesen hätten selbst die Bühnenbauer des Senders nicht authentischer dekorieren können. Ein schicker kleiner Giebelhof aus roten Backsteinen mit frischgestrichenem grünem Tor und einer Diele, auf derSensen, Milchkannen und ein hundert Jahre altes Fahrrad ihr verrostetes Dasein fristen. Über einen schmalen Gang geht es erst in die grün tapezierte Waschküche und dann in die hellbraun gekachelte Kochküche. Auch hier sieht es aus wie in den Kulissen des Ohnsorg-Theaters. Ein Teekessel pfeift auf dem Herd, darüber hängt ein Regal samt Kaffeemühle und Keramikdöschen, in denen Frau Brunkhorst vermutlich schwarzen Tee, Kandiszucker und Karamellbonbons hütet. Den Küchentisch bedeckt ein Tuch in Zartrosa, darüber liegt eine durchsichtige Kunststoffdecke.
    Zur Feier des Tages hat Frau Brunkhorst ihr Sonntagsgeschirr aus dem Schrank geholt und Eier gekocht, die in norddeutsch blauen Bechern auf uns warten. Natürlich gibt es auch eine gute Stube – vollgestopft mit bestickten Kissen, Fotoalben und Oma-Möbeln: Eiche brutal.
    Und Wilma? Sie ist die Frau, die Heidi Kabel immer zuspielen versucht hat. Wenn Frau Brunkhorst schnackt, dann fliegen ihre Händchen wie Schmetterlinge durch die Heizungsluft. Sie schimpft, tratscht, quietscht und setzt Pointen mit der Gewalt eines Jagdgewehrs in der Norddeutschen Tiefebene. Wilma Brunkhorst ist Norddeutschland.

    «Wissen Sie, ich darf jetzt um die Welt bummeln!»
    Wilma sieht mich völlig unbeeindruckt an. «Ja und? Dann bummel mal», sagt sie und schiebt sich kichernd ihre Brötchenhälfte ins Gebiss. Aber so leicht gebe ich nicht auf.
    «Nein wirklich, Frau Brunkhorst. Ich darf mit den Fragen der Zuschauer um

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