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Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten Freunde

Titel: Meine 500 besten Freunde
Autoren: Johanna Adorján
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einer belebten Straße gepinkelt haben, einfach so, weil sie musste
– Einem relativ bekannten amerikanischen Independentfilm-Regisseur soll sie auf einem Berlinale-Empfang im Vorbeigehen in den Schritt gefasst haben
– Während des Gallery-Weekends vor zwei oder drei Jahrenlin soll sie auf einer Vernissage in einem sehr kurzen Minirock auf einer Box getanzt haben, ohne Slip
– Sie soll einmal in eine Schlägerei mit der Frau des Chefredakteurs einer großen, konservativen Zeitung, einer geborenen von Bismarck, verwickelt gewesen sein
– Sie soll einmal eine Bekannte zu sich nach Hause eingeladen und dieser dann nackt die Tür geöffnet haben. (In einer anderen Version der vermutlich selben Geschichte waren es mehrere Leute, denen sie nackt die Tür öffnete.)
– Vor ihrem Einzug soll sie ihre Wohnung einer Cleansing-Zeremonie gegen böse Geister unterzogen haben
– In Wahrheit soll sie gar nicht adlig sein
– Sie soll mit ihrem Freund, einem französischen Künstler, der in Paris wohnte und nur gelegentlich in Berlin war, eine offene Beziehung führen
– Unter anderem war sie mit einem gut aussehenden, verheirateten Kameramann knutschend auf der Torstraße gesehen worden
– Natürlich wurden ihr auch Affären mit Regisseuren nachgesagt, mit denen sie gearbeitet hatte, sogar mit einem, von dem es hieß, er sei schwul
– Sie soll sich Botox spritzen lassen, allerdings nur in minimalen Dosen (angeblich ließ sie es in einer Privatklinik in der Französischen Straße machen)
– Sie soll vor Jahren eine Affäre mit einem SPD-Spitzenpolitiker gehabt haben
– Kokain nehmen
– mit ihrem Alter schummeln
    Sogar über ihren Hund, eine grimmig aussehende Bulldogge, kannte Friederike Gerüchte. Es hieß, er esse nur Rinder-Tatar. Und angeblich nahm Nadja von Stettin ihn mit in die Badewanne. Friederike hielt beides für Unsinn, während an den Geschichten über seine Besitzerin irgendetwas dran sein musste , so hartnäckig wie sie sich hielten. Es gab wahrscheinlich in ganz Berlin keine Person, über die so viel geredet wurde wie über Nadja von Stettin, zumindest war Friederike in den acht Jahren, in denen sie hier lebte, keine untergekommen. Und irgendwie konnte sie es verstehen. Sie hatte oft im Zuschauerraum miterlebt, wie von Stettin alle Schauspieler, die mit ihr die Bühne teilten, zu Statisten degradierte, einfach so, durch bloße Anwesenheit. Es war Friederike unerklärlich, wie sie es machte. Irgendetwas hatte sie, das andere nicht hatten, und was es auch war – mit ihrem Aussehen hatte es nichts zu tun. Sie war keine Schönheit, jedenfalls keine, die auf Fotos etwas hermachte. Ihre Haare waren irgendwas zwischen blond und braun, sie war normalgroß, normalschlank, hatte eine unauffällige, vielleicht etwas spitze Nase und einen Mund, der von Weitem aussah wie ein Strich. Und trotzdem sah das Publikum immer nur auf sie. Die Natürlichkeit, mit der sie sich auf der Bühne bewegte, ließ sich höchstens mit der von Kindern oder Tieren vergleichen. War sie nicht auf der Bühne, wurde im Saal geraschelt und gehustet, trat sie auf, wurde es mit einem Mal totenstill, nur hier und da stieg aus irgendeiner Reihe ein Kichern auf, das Friederike sich damit erklärte, dass von Stettins Gespür für Pointen bekannt war und einem nun wohl bane nun wold kommenden Lacher schon ungeduldig entgegengefiebert wurde. Mit ihr zu spielen, musste für ihre Kollegen die Hölle sein.
    Am allermeisten mochte Friederike vielleicht ihre Stimme. An manchen Abenden klang sie so weich und unschuldig wie die eines zwölfjährigen Chorknaben, an anderen schien irgendetwas mit ihren Stimmbändern kaputt zu sein. Einmal hatte Friederike sie vollkommen heiser erlebt. Sie hatte nur noch ein Flüstern herausgebracht und war trotzdem bis ganz hinten im Saal, wo Friederike auf einem der billigen Plätze saß, besser zu verstehen gewesen als ihre Kollegen. Und das, obwohl diese, wie an jenem Haus üblich, ihren Text hauptsächlich brüllten. Die Kritiker nannten sie »Diva«, »die von Stettin«, oder »ihre Majestät«, wobei Letzteres natürlich ironisch gemeint war. Vor allem den Älteren unter ihnen war ihre unorthodoxe Spielweise, die jeder klassischen Aufführungspraxis widersprach, ein Dorn im Auge, und Dorothea Korn, die wichtigste Theaterkritikerin des Landes, hatte von Stettin sogar einmal als »Klytämnestra des modernen Theaters« bezeichnet, ein Name, der an ihr haften geblieben war.
    Ein Mal nur hatte Friederike sie außerhalb des

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