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Maengelexemplar

Titel: Maengelexemplar
Autoren: Sarah Kuttner
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»Eine Depression ist ein fucking Event!«
    Meine Güte.
    Mein neuer Psychiater gebärdet sich wie ein Popstar. Selbstbewusst sitzt er hinter seinem Schreibtisch, vor sich eine Flasche Bionade und auf dem Gesicht ein recht gefälliges Niels-Ruf-Grinsen.
    Das verwirrt mich. Bionade und Niels Ruf kenne ich nämlich aus dem richtigen Leben, beide haben in meiner psychiatrischen Praxis bitteschön nichts verloren.
    In meiner psychiatrischen Praxis erwarte ich etwas weniger Modernes. Ich weiß nicht so recht, was ich von all dem halten soll, also überlege ich, ob es die Situation auflockern könnte, wenn ich dem Arzt meine Gedanken mitteile.
    »Sie sind ein bisschen wie Niels Ruf, nur weniger Arschloch.«
    Sieh mal an, laut ausgesprochen klingt es mehr nach einer Beleidigung als nach einem witzigen Vergleich.
    Findet er auch.
    Ich fange an, zu rudern: versichere, dass ich Niels Ruf im Grunde für sehr intelligent halte, nur eben auch für sehr präsent, und dass er, mein neuer Psychiater, natürlich nicht ansatzweise so selbstgefällig wie Niels Ruf ist, im Gegenteil, es hat auch eher etwas mit seinem selbstbewussten Auftreten zu tun, der flotten Krawatte zum pinken Hemd, mit dem jugendlich rasierten Kopf, und überhaupt finde ich seine Art, sich auszudrücken, ziemlich unkonventionell, was ja überhaupt nicht schlecht sein muss, und hey, wenn eine Depression ein fucking Event ist, dann ist das doch, ähm, cool.
    Nur möchte ich meine Karten für dieses Event gerne bei eBay wieder verkaufen, wenn das bitte ginge?
    Es geht nicht.
    Deshalb bin ich hier. Wieder hier.
    Denn ich habe wieder Angstanfälle, und ich bin traurig, und diese Angst macht mir noch mehr beschissene Angst und mich noch schlimmer traurig.
    Eine sogenannte Angstspirale. Die Angst vor der Angst. Weiß ich schon alles, kenne ich gut.
    Theoretisch kennt der Popstarpsychiater das auch alles, nur mich eben noch nicht. Ich wiederum bin sehr vertraut mit seiner Praxis und seiner Sprechstundenhilfe. Das verschafft mir einen klaren Heimvorteil.
    Mein Gegenüber ist die Vertretung für meine erste Psychiaterin Frau Dr. Kleve. Die kennt mich seit einem Jahr, meine Geschichte, mein Leid, meine Angstspirale und meine Tränen, sie kennt Niels Ruf nicht, und sie trinkt Wasser und kuckt sehr interessiert und streng. Frau Dr. Kleve gefiel mir ausgesprochen gut. Ihrem Mann gefiel sie anscheinend auch ausgesprochen gut, denn sie ist jetzt seit ein paar Monaten im Mutterschutz.
    Das freudige Ereignis kündigte sich schon vor einem Jahr an, damals habe ich mich sehr für sie gefreut, ich war, wie viele Anfänger, der Meinung, sie in ein paar Monaten eh nicht mehr zu brauchen.
    Tschüssi, Frau Dr. Kleve! Viel Glück und viel Spaß mit dem kleinen Racker, bei Ihrem Job wird der sicher aufs Allerbeste erzogen, hahaha, wir beide werden uns ja wohl nicht so schnell wiedersehen, hahaha, na, besser ist das auch, nicht wahr, hahaha.
    Und hier bin ich. Ein Jahr später, selber Raum, neue Tränen, neue alte Ängste und neuer Psychiater.
     
    Ich bin ein großer Freund von messerscharfen Diagnosen, denn die versprechen Heilung. Sie gaukeln einem vor, dass das Problem erkannt ist und sich Mutti jetzt drum kümmern wird. Bis du heiratest, ist alles wieder gut!
    Mir persönlich ist beispielsweise ein Bein, das aus Gründen einer messerscharf diagnostizierten Krankheit amputiert werden muss, deutlich lieber als Angstanfälle, die keiner versteht und die deshalb auch nicht abgeschnitten, ausgemerzt, über den Jordan geschickt werden können. Aber genau das ist wohl der Punkt. Ich habe zwar noch beide Beine, stecke aber in einer neuen Angstspirale.
    Es ist so, als ob man im Radio sauteure Tickets für ein Konzert gewinnt, auf das man keine Lust hat. Eine Depression ist wie ein Madonna-Konzert: wirklich ein »fucking Event«. Allerdings ein beschissenes und unnötiges »fucking Event«. Der Popstarpsychiater versteht also doch etwas von seinem Beruf.
    Das passt mir gut, denn ich bin verunsichert, ängstlich, kraftlos und vollgestopft mit überflüssiger Selbsterkenntnis jeder Couleur, die ich in einem Jahr Psychotherapie in meinem Kopf gesammelt und gestreichelt und hin und her gekullert habe.
    Ich war brav. Ich habe während der letzten zwölf Monate Antidepressiva genommen, mein Leben geordnet, war gut zu mir selbst, habe versucht, mich »mehr zu spüren«, und verdammt, ich bin das erste Mal seit ziemlich langer Zeit richtig zufrieden, gar glücklich. Und in diesen wunderbaren Zeiten

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