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Kreuzdame - Köln Krimi

Kreuzdame - Köln Krimi

Titel: Kreuzdame - Köln Krimi
Autoren: emons Verlag
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EINS
    Als das Telefon klingelte, stand die Butter schon wieder im Kühlschrank, während ich noch immer beim Frühstück festklebte, bei der letzten Tasse Tee, die ich mir gerade eingeschenkt hatte und deren Inhalt ich nur wenige Sekunden später verschüttete, weil sich die Hand, die den Henkel hielt, nicht bändigen lassen wollte. Auch mein Herz nicht. Das jagte in wildem Aufbäumen von einer Ecke des Brustkorbs zur anderen. Auf dem Sofa fand ich mich wieder, zitternd mit schweißnassen Händen. Nichts an diesem Morgen hatte erkennen lassen, was der Tag in sich barg. Um sechs waren die Nachrichten über uns hergefallen, hatten mich, wie jeden Morgen, mit ihren Horrormeldungen hochschrecken lassen, ein plötzliches Erwachen, dem ich schon zu Schulzeiten nicht gewachsen gewesen war und erst recht nicht jetzt, ohne zur Pünktlichkeit verpflichtet zu sein. Dennoch war ich eiligst aus den Federn gekrochen, hatte mich an den Wänden entlanggetastet bis zum Lichtschalter im Bad und mich, wie immer zu dieser Stunde, gefragt, wann wir es schaffen würden, das lästige Wecken wenigstens mit Musik zu unterlegen.
    Das mittlere der vier Fenster hatte ich geöffnet und in eine Dunkelheit gestarrt, die mich zu locken schien wie die Nacht der Ewigkeit. Es war Anfang Oktober, noch weit vor der Zeitumstellung, über die wir jedes Mal heftig diskutiert hatten – eine Stunde vor oder zurück? –, bis zum Kauf der funkgesteuerten Uhr, die seit letztem Weihnachten auf Martins Schreibtisch stand und uns diesmal zur Orientierung dienen sollte. Kein Laut war zu hören gewesen, kein Vogel zu sehen, oder waren auch hier die Vögel gestorben wie letztens in Arkansas, als tausend tote Vögel vom Himmel gestürzt waren, erschlagen vom Hagel, getroffen vom Blitz oder vom Feuerwerk, das unter ihnen prasselte, jedenfalls mit allen Anzeichen physischer Traumata? Doch dort unten auf dem Pflaster waren es nur die vom Herbst versteckten Blätter gewesen, die der Wind, vom Licht der Straßenlaterne begleitet, durch den Vorgarten getrieben hatte.
    Gab es Vögel mit Flugangst? Später sollte mir einfallen, dass dieser Gedanke vielleicht aus einer Ahnung entstanden war, einer Ahnung dessen, was zu jener Stunde noch nicht sichtbar und doch schon geschehen war.
    Auf dem Kalenderblatt für diesen Tag war in großen Lettern zu lesen gewesen, dass bewusstes Atmen die beste Lebenshilfe sei und nur die Liebe zwischen Seele und Körper zur Gesundheit führe. Gab es eine solche Allgemeingültigkeit, etwas, das uns die Richtung zeigte, den Weg, den wir einschlagen sollten? Lohnte es, diesen Ratschlägen zu folgen, oder war doch alles festgelegt, wie die Tatsache, dass die Farbe des Morgenrots nicht der des Abendrots entsprach? War die eigene Identität nicht mehr als eine literarische Erfindung, der wir völlig nutzlos hinterherrannten? Lebte womöglich ein jeder von uns nach einem seit ewigen Zeiten ausgeklügelten Zeitplan, bis er, solange das System erhalten blieb, an einem seit Langem bestimmten Tag zu eben dieser Stunde den Löffel abgeben musste, ob er wollte oder nicht?
    Die Tageszeitung hatte ich nur durchgeblättert, die Überschriften gelesen und manchmal noch den ersten Absatz. Es war mir vorgekommen wie Altbekanntes neu verpackt.
    »… liegt eine Harmonie im Herbst und Glanz in seinem Firmament, wie man im Sommer nie gehört und niemals hat gesehen, als wär es nie gewesen, als könnt es nicht bestehen«, diese Zeilen von Percy Bysshe Shelley waren mir, warum auch immer, durch den Kopf gelaufen, als das Telefon zu klingeln begann. Ich war aufgestanden, hatte die Zeitung zugeschlagen und nach dem Hörer gegriffen.
    Charlotte überbrachte die Botschaft. Es gab Zeiten, in denen der Unglücksbote geköpft worden war. Vielleicht um dem Unglück seine Macht zu nehmen oder auch nur damit er nicht weiterhin Böses unters Volk brachte. Charlotte hatte geschrien, als wäre sie selbst in Todesqualen, und erst beim dritten Mal hatte ich den Satz, der aus dem Hörer dröhnte, verstanden:
    » KLAUSISTTOT .«
    Dies war die dritte und hoffentlich letzte in einer Reihe von dramatischen Änderungen, die sich innerhalb der vergangenen Jahre durch unsere Doppelkopf-Runde gezogen hatten. Mit Anna hatte es angefangen, an jenem Tag, als sie mir nichts, dir nichts verschwunden war und uns Klaus davon erzählt hatte. Eigentlich war sie nicht davongelaufen, sondern hatte einen ordentlichen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem sie ihm mitteilte, dass sie eine neue Richtung

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