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Im Herzen Rein

Im Herzen Rein

Titel: Im Herzen Rein
Autoren: Andrea Vanoni
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PROLOG
    Woran dachte sie? Als die U-Bahn hielt und Leute hereinkamen, befürchtete er, es könnte sich jemand zwischen sie stellen. Aber das passierte nicht, er konnte sie weiter ungestört in der Spiegelung der Scheibe beobachten - ihre großen Augen, den weichen Mund.
    Er stand hinter ihr, nur zwei Schritte entfernt. Er hätte noch näher gehen und ihren Duft einatmen können. Es wäre nicht einmal ein Risiko gewesen, direkt neben ihr zu stehen. Keiner nahm den anderen wahr. Eine Studentin las in ihren Unterlagen; der Mann mit der Aktentasche auf den Knien hatte seine Augen geschlossen; ein kleines Kind patschte mit den Händen an das Fensterglas; die Frau mit den vier Einkaufstüten stierte vor sich hin. Er liebte die Abgestumpftheit der Menschen in der Großstadt.
    Die nächste Station war Kurfürstendamm. Als der Zug seine Fahrt verlangsamte, machte sie einen Schritt auf die Tür zu. Sie blieb stehen, ohne sich festzuhalten. Den Ruck beim Anhalten nutzte sie als Schwung zum Aussteigen.
    Er folgte ihr.
    Der Bahnsteig war voll; er brauchte nicht aufzupassen, sie würde ihn nicht bemerken. Sie trug schwarze Schuhe mit Absätzen, Nylonstrümpfe und einen Rock, der bei jedem Schritt hin und her wippte. Er beobachtete, wie sie die Treppe hinauflief und sich nach rechts wandte. Er nahm die letzte Stufe langsam, um nicht aufzufallen, und suchte sie. Sie wartete an der Ampel. Als das Licht auf Grün sprang, schlenderte sie über die Straße, wie jemand, der die Pflichten des Tages hinter sich hatte.
    Es erregte ihn, dass sie unwissend vor ihm herging, nicht wusste, was auf sie wartete. Er spürte die Spannung im Nacken. Obwohl es Ende September war, wehte Sommerluft durch die Straßen, und die Menschen gingen leichtfüßig. Ja, dachte er, die Menschen bewegen sich im Sommer anders als im Winter, unabhängig von der Kleidung. Die junge Frau vor ihm ging jetzt entspannt am Biersalon vorbei. Sein Jagdfieber ließ ihn die Dinge überdeutlich wahrnehmen. Sein Blut pochte in den Schläfen. Die Vorstellung von dem Ereignis, das kommen würde, erfüllte ihn mit einem kribbelnden Gefühl. Die gute Laune der blonden Frau würde seine Verbündete sein.
    Sie verschwand in der Passage zum Filmpalast . Vielleicht wollte sie ins Kino, dann würde er gleich im dunklen Raum in ihrer Nähe sitzen.
    Er stellte sich vor den Schaukasten mit den Fotos, um den Eingang im Auge zu behalten. Als sie langsam wieder herauskam, machte er zwei Schritte auf sie zu, zeigte auf das Plakat und fragte, ob sie den Film schon gesehen habe. Sie lächelte, nein, sie habe sich gerade eine Karte gekauft. Er sagte, das werde er auch tun, er habe gehört, es sei ein schöner Film.
    Nachdem er die Karte gekauft hatte, ging er wieder auf die Straße. Er sah sie am Verkaufsfenster des Donut-Ladens an der Ecke. Der Verkäufer mit einer weißen Schiffchen-Mütze flirtete mit ihr, wobei er seine Mütze abnahm und sie wie ein Boot auf Wellen durch die Luft bewegte. Sie lachte. Er setzte die Mütze quer auf, worüber sie noch einmal lachte, und stellte ihr einen Becher Kaffee und einen Schokoladen-Donut hin.
    Während sie aß, bettelte ein junges Mädchen sie an. Sie hörte ihr freundlich zu, gab aber kein Geld, sondern kaufte dem Mädchen einen Donut mit Kakao. Beide aßen und redeten. Sie gab dem Mädchen dann doch noch eine Münze und ging zum Kino.
    Er folgte ihr durch die Passage und das Foyer zum Einlass. Die Angestellte riss seine Karte ab, ohne ihn anzusehen.
    Im Saal war es schon dunkel. Wo hatte sie sich hingesetzt? Das Licht auf der Leinwand wechselte. Er hatte ihre Silhouette vor Augen - unter Hunderten würde er sie erkennen. Das hintere Drittel war gut besetzt, da war sie nicht. Dann hatte er sie im Blick - sie saß weiter vorn, allein auf einem Mittelplatz. Er blieb in der Nähe des Eingangs und setzte sich an den Rand. Als der Film begann, rutschte sie tiefer und legte den Nacken auf die Rückenlehne des Sitzes. Er beobachtete sie - der Film interessierte ihn nicht.
    Beim Abspann blieb sie noch sitzen. Er ließ sich von den anderen Zuschauern hinausschieben. Im Foyer wartete er an der Seitenwand und blätterte in den ausgelegten Flyern, bis sie an ihm vorbei war.
    Vor dem Kino blieb sie unschlüssig stehen. Das war sein Moment. »Wie hat Ihnen der Film gefallen?«
    »Sehr gut. Ich liebe romantische Komödien.« Sie strahlte.
    »Ja«, sagte er, »ich auch. Sie machen gute Laune.« Sie lachte, da sei er anders als die meisten Männer.
    Er nickte, zeigte auf

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