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Judith McNaught

Judith McNaught

Titel: Judith McNaught
Autoren: Legenden der Liebe
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Erstes Kapitel

    Stephen David Elliott Westmoreland, Earl of
Langford, Baron von Ellingwood, Fünfter Viscount Hargrove und Viscount
Ashbourne, schlüpfte in das zerknitterte Hemd, das er gestern abend achtlos
über das Fußende des Bettes geworfen hatte. Angelehnt an einen Berg von
Seidenkissen lag Helene Devernay zwischen zerwühlten Bettdecken und betrachtete
mit anerkennendem Lächeln seinen gebräunten, muskulösen Oberkörper.
    »Gehen wir nun nächste Woche ins
Theater?« fragte sie.
    Stephen griff nach seinem Halstuch
und musterte sie dabei überrascht. »Natürlich.« Er blickte in den Spiegel über
dem Kamin, während er gewandt das feine weiße Seidentuch um seinen Hals
fältelte, und ihre Blicke trafen sich. »Warum fragst du?«
    »Weil nächste Woche die Saison
beginnt und Monica Fitzwaring in die Stadt kommt. Wir haben die gleiche Schneiderin.
Sie hat es mir erzählt.«
    »Und?« fragte er, wobei er sie mit
unbewegtem Gesichtsausdruck aus dem Spiegel heraus ansah.
    Seufzend drehte sich Helene auf die
Seite und stützte sich auf einen Ellenbogen. Bedauernd, aber zugleich freimütig
erklärte sie: »Man sagt, daß du ihr endlich den Antrag machen wirst, auf den
sie und ihr Vater die vergangenen drei Jahre gewartet haben.«
    »So, sagt man das?« erwiderte er
beiläufig, brachte jedoch mit einem leichten Heben der Augenbrauen schweigend
und äußerst wirkungsvoll sein Mißfallen darüber zum Ausdruck, daß Helene ein
Thema angeschnitten hatte, das sie seiner Meinung nach nichts anging.
    Helene bemerkte den
unausgesprochenen Vorwurf und die darin enthaltene Warnung, aber sie blieb dem
bemerkenswert offenen Umgangston treu, der ihre nun schon seit einigen Jahren
andauernde – und höchst angenehme – Affäre immer geprägt hatte. »In der
Vergangenheit hat es Dutzende von Gerüchten gegeben, du stündest kurz davor,
der einen oder anderen hoffnungsvollen Schönheit einen Antrag zu machen«,
entgegnete sie ruhig, »und bis heute habe ich dich nie gebeten, sie zu
bestätigen oder zu dementieren.«
    Schweigend wandte sich Stephen vom
Spiegel ab und nahm sein Dinnerjackett von der geblümten Chaiselongue. Er
schlüpfte hinein und trat zum Bett. Aufmerksam betrachtete er die Frau, die
darin lag, und fühlte, wie sein Ärger verflog. Den Kopf sanft auf den Arm
gestützt, bot Helene Devernay mit ihrem goldenen Haar, das sich über ihren
nackten Rücken und ihre Brüste ergoß, einen hinreißenden Anblick. Sie war
intelligent, geradeheraus und kultiviert, und erwies sich damit sowohl im Bett
als auch außerhalb als eine äußerst angenehme Geliebte. Er wußte, daß sie zu
realistisch dachte, um insgeheim die Hoffnung zu hegen, er könne ihr einen
Heiratsantrag machen. Das kam für eine Frau ihrer Herkunft überhaupt nicht in
Frage. Außerdem liebte sie ihre Unabhängigkeit zu sehr, um sich wirklich
lebenslang an jemanden binden zu wollen – ein Charakterzug, der ihre Beziehung
nur noch mehr festigte. Jedenfalls hatte er das angenommen. »Und jetzt soll ich
bestätigen oder dementieren, daß ich beabsichtige, Monica Fitzwaring einen
Antrag zu machen?« fragte er ruhig.
    Helene schenkte ihm ein warmes,
verführerisches Lächeln, auf das sein Körper normalerweise reagierte. »Ja.«
    Stephen stemmte die Hände in die
Hüften und schob dabei sein Jackett nach hinten. Er betrachtete sie kühl. »Und
wenn ich es bestätigen würde?«
    »Dann, Mylord, würde ich dir sagen,
daß du einen großen Fehler begehst. Du magst sie, aber du empfindest keine
Liebe, noch nicht einmal Leidenschaft für sie. Alles, was sie dir bieten kann,
ist ihre Schönheit, ihre Herkunft und die Aussicht auf einen Erben. Sie hat
weder deine Willensstärke noch deine Intelligenz, und sie wird dich zwar
lieben, dich aber nie verstehen. Sie wird dich im Bett und auch sonst
langweilen, und du wirst sie einschüchtern, verletzen und erzürnen.«
    »Vielen Dank, Helene. Ich kann mich
glücklich schätzen, daß du einen solchen Anteil an meinem Leben nimmst und mir
so bereitwillig Ratschläge erteilst, wie ich es leben sollte.«
    Angesichts der Zurechtweisung wurde
ihr Gesichtsausdruck ernster, aber sie lächelte ihn immer noch an. »Siehst
du?« erwiderte sie leise, »ich bin sofort gewarnt, wenn du diesen Ton
anschlägst, Monica Fitzwaring jedoch wäre entweder am Boden zerstört oder zu
Tode beleidigt.«
    Sein Gesichtsausdruck wurde hart und
seine Stimme nahm einen geradezu eisig höflichen Klang an. »Ich bitte um
Verzeihung, Madame«, sagte er und

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