Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Judith McNaught

Judith McNaught

Titel: Judith McNaught
Autoren: Legenden der Liebe
Ads
Mitbewerberinnen
auserwählt hatte, seine Tochter auf der Reise nach England zu begleiten –
Sheridan, die kaum drei Jahre älter war als Charise.
    Natürlich hatte Charise zu dieser
Entscheidung beigetragen – sie hatte so lange geschmeichelt, geschmollt und
gebettelt, daß Miss Bromleigh sie begleiten solle, bis er schließlich
nachgegeben hatte. Miss Bromleigh hätte ihr dabei geholfen, die Briefe an den
Baron zu schreiben; Miss Bromleigh, so sagte sie ihm, wäre nicht so wie die
anderen sauertöpfischen Anstandsdamen, die sich vorgestellt hatten; Miss
Bromleigh würde eine amüsante Gesellschaft sein. Und Miss Bromleigh, so warnte
sie ihn schlau, würde dafür sorgen, daß sie nicht vor lauter Heimweh sofort
wieder zu ihrem Papa nach Amerika zurückkehren würde, statt den Baron zu
heiraten!
    Das stimmte in der Tat, dachte
Sheridan unwillig. Miss Bromleigh trug wahrscheinlich die Verantwortung dafür,
daß Charise mit einem nahezu Fremden durchgebrannt war, ein impulsiver Akt, der
entfernt an die Handlung eines der Liebesromane erinnerte, die Sheridan mit
Charise zusammen während der Überfahrt gelesen hatte.
    Tante Cornelia mißbilligte diese
Romane und die »albernen romantischen Ansichten«, die sie vertraten, so sehr,
daß Sheridan sie für gewöhnlich nur insgeheim bei zugezogenen Vorhängen in
ihrem Bett las. Dort konnte sie, ohne daß sie jemand störte, die herrliche
Erregung auskosten, von eleganten, gutaussehenden Adligen, die ihr Herz mit
einem Blick erobert hatten, geliebt und umworben zu werden. Danach konnte sie
sich in die Kissen zurücklehnen, die Augen schließen und sich vorstellen, die
blonde Heldin zu sein, die auf einem Ball in einem prächtigen Kleid und mit
einer wunderbaren Frisur tanzt ... die im Park umherspaziert, ihre zarte Hand
auf seinem Ärmelaufschlag, mit goldblondem Haar, das unter der Krempe ihres
modischen Hutes hervorlugt. Sie hatte jeden einzelnen Roman so oft gelesen,
daß sie ihre Lieblingsszenen aus dem Gedächtnis rezitieren konnte, wobei sie
den Namen der jeweiligen Heldin durch ihren eigenen ersetzte.
    Der Baron ergriff Sheridans Hand und
preßte sie an seine Lippen. Er gelobte ihr ewige Treue. »Du bist meine einzige
Liebe ...«
    Der Earl war so überwältigt von
Sheridans Schönheit, daß er die Beherrschung verlor und sie auf die Wange
küßte. »Vergeben Sie mir, aber ich kann nicht anders! Ich bete Sie an!«
    Und dann gab es noch ihre
Lieblingsstelle ... die Textstelle, die sie sich am häufigsten und liebsten
vorstellte:
    Der Prinz riß sie in seine starken
Arme und drückte sie an sein Herz. »Und wenn ich hundert Königreiche hätte,
würde ich sie dennoch alle für dich aufgeben, meine teuerste Geliebte. Ich war
nichts, bis du kamst.«
    Im Bett variierte sie die Handlung
der Romane, die Dialoge und sogar die Situationen und Örtlichkeiten, wie es
ihr beliebte, niemals jedoch veränderte sie ihren imaginären Helden. Er, und
nur er allein, blieb immer derselbe, und sie kannte jedes Detail an ihm, weil
sie ihn sich selbst ausgedacht hatte: Er war stark, ungestüm und männlich,
aber gleichzeitig freundlich, klug, geduldig und humorvoll. Er war groß und sah
gut aus – mit dichtem dunklem Haar und wundervollen blauen Augen, die je nach
Stimmung verführerisch oder durchdringend blickten, oder auch schalkhaft
blitzten. Er würde gerne mit ihr lachen, und sie würde ihm amüsante Anekdoten
erzählen, um ihn dazu zu bringen. Er würde gerne lesen und mehr wissen als sie,
und vielleicht hätte er auch ein bißchen mehr Lebenserfahrung. Aber nicht zu
viel, und er dürfte auch nicht zu stolz oder blasiert sein. Sie haßte Arroganz
und Spießigkeit, und vor allem konnte sie es nicht leiden, wenn jemand
tyrannisch über sie verfügte. So etwas akzeptierte sie zwar bei den Vätern
ihrer Schülerinnen, aber sie wußte ganz genau, daß sie sich bei ihrem Ehemann
mit einer so überheblichen männlichen Haltung nicht würde abfinden können. Ach
ja, und ihr Held würde sie natürlich zu seiner Ehefrau erwählen. Er würde vor
ihr niederknien, um ihre Hand anhalten und solche Sätze sagen wie: »Ich wußte
nicht, was Glück war, bis ich dir begegnete ... Ich kannte die Liebe nicht, bis
ich dich kennenlernte ... Ich war nur ein halber Mensch mit einem halben Herzen
... bis du kamst.« Ihr gefiel die Vorstellung, von ihrem imaginären Helden wirklich
gebraucht und nicht nur um ihrer Schönheit willen geliebt zu werden. Und wenn
er mit so zärtlichen, bezwingenden Worten um

Weitere Kostenlose Bücher

Uferwechsel
Uferwechsel von S Mann
Gier
Gier von Garry Disher
Start With Why
Start With Why von Simon Sinek