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Joel 4 - Die Reise ans Ende der Welt

Joel 4 - Die Reise ans Ende der Welt

Titel: Joel 4 - Die Reise ans Ende der Welt
Autoren: Henning Mankell
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In einer Nacht im März, in dem Jahr, als Joel fünfzehn wurde, erwacht er aus einem Traum, der ihm Angst gemacht hat. Als er die Augen in der Dunkelheit aufschlägt, weiß er im ersten Augenblick nicht, wo er ist. Aber dann hört er das Schnarchen von Papa Samuel durch die halb offene Tür. Im selben Augenblick fällt ihm der Traum wieder ein. Er ist draußen gewesen auf dem zugefrorenen Fluss. Warum, weiß er nicht. Aber plötzlich ist das Eis unter seinen Füßen gerissen. Er läuft, so schnell er kann, zum Ufer. Wie durch einen Zauberschlag ist das Eis verschwunden. Nur die Eisscholle, auf der er steht, ist übrig geblieben. Da bemerkt er, dass etwas Sonderbares mit dem Wasser ist. Es ist nicht kalt und schwarz wie sonst. Es kocht. Und die ganze Zeit schmilzt die Eisscholle, auf der er steht. Schließlich ist gar nichts mehr da. Kalte, weiße Krokodile schnappen nach ihm. Und er fällt. Geradewegs in ihre Mäuler …
    Er ist schweißnass. Der Uhrzeiger des Weckers leuchtet in der Dämmerung. Viertel nach vier. Er ist erleichtert, dass er dem Traum entronnen ist. Er zieht die Decke bis zum Kinn und dreht sich zur Wand und will wieder einschlafen. Noch sind es mehrere Stunden, bis er aufstehen muss, um in die Schule zu gehen.
    Aber der Schlaf will nicht kommen. Gedanken drängen sich ihm hartnäckig auf. In drei Monaten ist die Schule zu Ende. Zum letzten Mal bekommt er ein Zeugnis. Was soll er dann machen? Wo findet er eine Arbeit? Was will er überhaupt machen? Er merkt, wie schwer es ist, die Gedanken abzuwehren. Noch schwerer wird es, wenn er anfängt, über Papa Samuel nachzudenken. Solange er zurückdenken kann, haben sie darüber gesprochen, dass sie aufbrechen und von hier weggehen werden. Wenn Joel nur erst die Schule beendet hat. Samuel will wieder zur See fahren und Joel mitnehmen. Aber die Jahre sind vergangen und Samuel spricht immer seltener vom Meer. Und den Schiffen. Und den Häfen, die draußen in der Welt warten.
    Es gibt so vieles, worüber er nachdenken muss. Joel richtet sich im Bett auf und lehnt sich gegen die Wand. Es ist schon März. Bald schmilzt der Schnee. In einem Monat hat er Geburtstag. Er wird fünfzehn Jahre alt. Dann darf er Moped fahren.
    Fünfzehn Jahre alt zu werden, das ist ein wichtiges Ereignis. Aber die Unruhe bleibt. Was erwartet ihn?
    Schließlich schläft er doch wieder ein.
    Draußen auf der Straße läuft ein einsamer Hund vorbei. Auf dem Weg zu einem Ziel, das nur der Hund kennt.
    Aber Joel schläft. In seinen Träumen ist schon der Frühling ausgebrochen.
    Und das Eis schmilzt…

1
    Joel war mit seinem Fahrrad an der Steigung vorm Pfarrhof, als die Kette absprang. Er war so überrascht, dass er aus dem Gleichgewicht kam. Er kriegte das Rad nicht mehr unter Kontrolle und fuhr geradewegs in die Hecke vom Pferdehändler. Mit dem Kopf voran landete er in den Johannisbeerbüschen. Er holte sich einen Ratscher auf der Wange und bekam einen blauen Flecken auf dem linken Knie. Aber stehen und gehen und sein Fahrrad aufrichten konnte er noch. In der Hecke war ein großes Loch. Da der Pferdehändler ziemlich wütend werden konnte, machte sich Joel schnell davon.
    Es war ein Nachmittag Mitte Mai. Immer noch gab es Schneereste entlang der Hauswände und in den Gräben. Frühlingswärme war noch nicht da. Aber jeden Tag, wenn die Schule aus war, fuhr Joel auf seinem Fahrrad im Ort herum. Er war unruhig und rastlos. Was würde passieren, dann, wenn er nicht mehr zur Schule musste?
    Einige Tage später, nachdem er vom Fluss mit dem kochenden Wasser geträumt hatte, fragte er Samuel. Er hatte sich gut vorbereitet. Normalerweise aßen sie nur sonntags Kotelett und Bratkartoffeln. Aber da es kein Gericht gab, das Samuel lieber aß, hatte Joel Bratkartoffeln und Kotelett gemacht, obwohl es Dienstag war. Er wusste, der beste Moment, eine wichtige Frage mit Samuel zu besprechen, war der Augenblick, wenn Samuel mit Essen fertig war und den Teller wegschob.
    Es war so weit. Samuel legte die Gabel weg, wischte sich den Mund ab und schob den Teller zur Seite. »Wir müssen uns entscheiden«, sagte Joel.
    Obgleich er den Stimmbruch schon hinter sich hatte, konnte es passieren, dass seine Stimme ins Kicksen geriet. Jetzt sprach er absichtlich langsam, damit sie so tief wie möglich klang.
    Samuel war meistens müde nach dem Essen. Aus kleinen Augen sah er Joel an.
    »Was müssen wir entscheiden?«, fragte er.
    Er scheint guter Laune zu sein, dachte Joel. Das war er nicht immer. Manchmal war

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