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Jerry Cotton - 0557 - Per Express in den Tod

Jerry Cotton - 0557 - Per Express in den Tod

Titel: Jerry Cotton - 0557 - Per Express in den Tod
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Raubfische als ein Köder, der sich still verhält. An einem Ecktisch saß Phil und beachtete mich nicht. Er saß noch dort, als ich nach dem Essen in mein Abteil zurückging.
    Der Schaffner erkundigte sich nach meinen Wünschen für die Nacht. Ich ließ mir eine Decke und ein Kopfkissen bringen, gab ihm ein Trinkgeld und verschloß hinter ihm die Tür. Außer der Aktentasche hatte ich einen zweiten flachen Koffer mit auf die Reise genommen, der so aussah, als enthielte er meine Hemden und meine Zahnbürste. Darüber hinaus barg er die Ausrüstung, mit der die Zentrale mich versorgt hatte. Jedesmal, wenn ich den Koffer öffnete und die Verkleidung der Deckelinnenseite entfernte, wuchs in mir die Überzeugung, daß unsere Leute einige Anleihen beim CIA gemacht oder — schlimmer noch — tief in die Trickkiste von James Bond gegriffen hatten.
    Zunächst einmal barg der Koffer in einer Halterung meinen 38er Smith and Wesson Special. Ich nahm ihn heraus und schob ihn in die Rocktasche. Dann holte ich einen flachen Schlüssel aus einem Seitenfach und öffnete die Stahlmanschette an meinem Gelenk. Auf diese Weise befreite ich mich vom lästigen Anhängsel der Aktentasche.
    Als nächstes entnahm ich dem Koffer mein zweites »Ich«. Noch war mein »Ich« flach, unansehnlich und mehrfach zusammengefaltet, aber als ich eine kleine Preßluftflasche, die ebenfalls der unerschöpfliche Koffer hergab, an das Ventil anschloß und auf drehte, blähte sich mein »Ich« zu Menschengröße und annähernd Menschenform auf. Besonderen Wert hatten die Austüftler dieser makabren Spielerei auf die Kopfpartie gelegt. »Ich« besaß echtes Haar, geschlossene Augen und einen halboffenen Mund wie ein Mensch, der im Schlaf schnarcht. Ich bettete das Gebilde auf die Schlafbank, befestigte an einer Schlaufe die Aktentasche und deckte dann meinen Gummikollegen bis zum Kinn mit einer Decke zu. Die Aktentasche stand auf dem Boden, aber das Stahlseil endete so unter der Decke, daß der Eindruck entstand, es wäre am Handgelenk eines Menschen befestigt.
    Ich überprüfte mein Werk kritisch und war zufrieden. Selbst im Lichtstrahl einer starken Taschenlampe mußte man glauben, einen schlafenden Mann vor sich zu sehen.
    Neben der Halterung für den 38er hing in zwei Klemmen ein knapp handtellergroßes Batterie-Allzweckgerät. Ich setzte einen nadeldünnen Bohrer ein und durchbohrte in Augenhöhe die Füllung der Tür zum Waschraum. In das Loch drückte ich ein Gebilde, das auf den ersten Blick nicht viel anders aussah als eine Nähnadel, nur besaß es weder Spitze noch Öhr. In Wahrheit handelte es sich um eine Ministahlröhre, in deren Innern ein Linsensystem so raffiniert angeordnet war, daß ein Beobachter durch die winzige Öffnung einen Raum bis zu dreißig Quadratyard überblicken konnte. Auf der Innenseite schraubte ich ein Okular auf, gegen das das Auge gepreßt werden mußte, da es sonst unmöglich war, Linse und Pupille in eine Linie zu bringen. Als letztes klebte ich ein Mikrofon von Fingernagelgröße an die Türfüllung, entrollte einen haarfeinen Draht von einer Spule und klemmte einen ebenfalls fingernagelgroßen Verstärker an, den ich an meinem Ohr befestigte. Jedes Geräusch im Abteil würde mich, auf diese Weise zum dröhnenden Gongschlag verstärkt, aus dem Schlaf schrecken, falls ich einschlafen sollte. Das Kabinett bot wenig Bequemlichkeiten, eine bestimmte Sitzgelegenheit ausgenommen. Ich richtete mich auf eine lange und total ereignislose Nacht ein.
    Gründlicher noch als Schießen, Judo und Boxen lernt man beim FBI, geduldig zu warten. Ich zählte die Stunden nicht, die ich in der Waschkabine zubrachte, aber ich war hellwach, als ich über Minimikrofon und Verstärker ein ungewöhnliches Geräusch vernahm, ein Geräusch, das anders war als das Rattern der Räder und das Heulen des Fahrtwindes.
    Lautlos preßte ich das Auge ans Okular. Selbstverständlich brannte im Abteil kein Licht, aber der Expreß donnerte in dieser Minute an einer ausgedehnten Fabrikanlage vorbei. Das Feuer von Abgasfackeln und großen Bogenlampen erhellte das Abteil mit gespenstischem, ständig wechselndem Licht.
    Wieder hörte ich ein scharfes Knacken, dem ein mahlendes Geräusch folgte. Leise knarrten die Türangeln. Eine dunkle Fläche verdeckte die Hälfte meines Blickfeldes. Es war die Abteiltür, die nach innen schlug, wenn sie geöffnet wurde. Gleich darauf verschwand die schwarze Fläche wieder, und jetzt stand ein Mann im Abteil, ein großer,

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