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Im Wald der stummen Schreie

Im Wald der stummen Schreie

Titel: Im Wald der stummen Schreie
Autoren: Jean-Christophe Grange
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geringsten Geräusch unbemerkt auf den Weg blicken zu können.
    Jeanne kauerte sich in das Lianengespinst der Spalte hinein. Sie hatte den Eindruck, wie ein Säugling in Armen aus Saft und Blättern getragen zu werden.
    Und wartete.
    Sie verlor jegliches Zeitgefühl. Sie spürte lediglich die warme, milde Luft, die sich nicht regte. Unter ihrer Maske schwitzend, betrachtete sie die Adern der Blätter, die Rillen in der Rinde, die wandernden Ameisen ... Sie hatte das Gefühl, mit der Natur verwachsen zu sein. Über ein hochempfindliches, beinahe paranormales Bewusstsein zu verfügen ... Sie empfand eine verstörende Intimität mit diesem Gewächs. Als hätte sie mit diesem schwarzen Baum geschlafen. Mit dem Wald. Mit ...
    Geräusche.
    Schritte. Sie zwang sich hinzusehen. Da waren sie. Vier. Fünf. Sechs ... Sie trugen keinen Schmuck und keine Knochen. Ihre Haut war von scharlachrotem Schlamm überzogen. Ihre Körper hoben sich nur dann von dem Pfad ab, wenn sie sich bewegten. Eine Elite-Einheit. Sie sprachen nicht, machten keine Gesten. Schienen sich durch Gedankenübertragung zu verständigen.
    Sie würden den hohlen Baum in der Nähe des Pfades inspizieren. Sie würden sehen, dass sie sich nicht dort befand. Und dann würden sie zu beiden Seiten der Piste ausschwärmen und sie zweifellos in ihrem Versteck aufstöbern ...
    Jeanne kauerte sich in der Spalte zusammen. Der Tag neigte sich. Es blieb ihr nur noch eine Stunde, um den Fluss zu erreichen. Das war noch machbar, sofern die Jäger nicht dablieben und sie auf kein weiteres Hindernis stieß.
    Das Rascheln von Blättern. Das Knistern von Sträuchern. Kamen sie näher? Jeanne warf einen Blick nach draußen. Sie waren verschwunden. Gingen sie weiter Richtung Fluss? Kehrten sie um? Nicht der Moment, um sich Fragen zu stellen oder zu zögern.
    Sie verkroch sich in ihrer Höhle, nur für eine Sekunde, um in diesem mit Borke verkleideten Uterus noch etwas Kraft zu schöpfen. Mehr denn je spürte sie eine Hitze, ein Atmen, eine verstörende Intimität zwischen den »Armen« dieses pflanzlichen Schachts.
    Da stockte ihr Herz.
    Die Lianen hatten ihren Druck verstärkt. Die Spalte hatte sich bewegt und sie zuerst hintenüber- und dann vornübergekippt. Während sie diese Empfindung noch analysierte, bekam sie schon die Antwort. Unfasslich. Die schwarze Wand ihr gegenüber hatte gerade die Augen geöffnet. In Wirklichkeit waren die Lianen Arme.
    Sie zog die Moosmaske weg und sah.
    In der reliefartigen Rindenoberfläche zeichnete sich ein Gesicht ab.
    Joachim.
    Vollkommen reglos, sich mit seiner schwarzgrünen Haut nahtlos in die Form des Baumes einfügend. Nicht wir leben im Wald. Der Wald lebt in uns ...
    Jetzt sah sie. Sein Gesicht. Die über die Knochen und Knorpel gespannte Haut. Das mit Erde und Speichel verkrustete Gesicht.
    Und die Augen, blutunterlaufen, verschleiert, glühend ...
    Sie wollte ihre Waffe heben.
    Joachim umklammerte bereits ihr Handgelenk.
    Sie spürte seine verdrehten Finger auf ihrem Arm.
    Sie wollte ihm einen Schlag versetzen.
    Er packte ihre andere Hand.
    Sie neigte sich sanft zu Joachim hin. Das überraschte Wolfskind wehrte sich nicht. Wie in ihrem Traum roch es nach Humus, Wurzeln und Blut. Ein schmutzigrosa Film überzog seine Augen wie die eines Affen. Sie näherte sich ihm noch ein Stück, um ihren Kopf an seinen anzuschmiegen. Zärtlichkeit. Sinnlichkeit. Verlangen ...
    Sie biss ihm ein Ohr ab.
    Joachim schrie auf.
    Sie befreite ihre linke Hand und stieß den Daumen in seine rechte Augenhöhle. Das Auge platzte halb heraus. Erneuter Aufschrei. Jeanne versuchte ihre Hand mit der Waffe aus seinem Griff zu befreien. Doch das Wolfskind ließ sie nicht los. Es versuchte nun seinerseits, sie zu beißen. Sie konnte gerade noch zurückweichen, indem sie den Rücken in die Blätter drückte. Joachim schnellte vor, wollte sie in die Kehle beißen.
    Während des Kampfes konnte sie ihr rechtes Handgelenk befreien. Sie richtete die Pistole zum Himmel und wandte sich dann wieder ihrem Angreifer zu. Eine Liane behinderte sie. Joachim biss sie in die linke Schulter. Wie ein Vampir. Sie dachte an die Krankheiten. Gleich würde sie sterben ...
    Blitzschnell zog sie ihren Arm nach hinten und befreite die andere Hand, die die Waffe hielt. Die Mündung aufsetzen. Auf die Schläfe Joachims. Eine Kugel. Eine einzige. Das wär's ...
    Reflexartig ließ Joachim seine Beute los und brüllte die Waffe an. Als wolle er das geriffelte Stahlrohr erschrecken. Aber die Welt

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